Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
La Mettrie. In der Friedrichs-Sitzung der Akademie der Wissenschaften am 28. Januar 1875 gehaltene Rede
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28638/25/
La Mettrie, 
S33 
Studie über Seneca drei Seiten voll entrüsteter Schmä¬ 
hungen auf den toten La Mettrie häufen zu sehen, der, 
wie tief er auch an Begabung unter Diderot stand, 
an unverstellter Geradheit des Charakters ihm sicher 
gleichkam, an Folgerichtigkeit des Denkens ihn weit 
Übertraf. 
Diderot nennt schließlich La Mettrie l’apologiste 
du vice et le détracteur de la vertu.37 Friedrich sprach 
nicht viel von Tugend, denn in seinem Staate regierte 
die Pflicht. Doch ist kaum glaublich, daß er zu seinem 
täglichen Umgang einen Menschen sollte gewählt haben, 
der die sittlichen Grundlagen der Gesellschaft absichtlich 
untergrub. 
Wir brauchen uns also fortan nicht mehr mit Wider¬ 
willen abzuwenden, wenn wir im Geist auf der Terrasse 
von Sanssouci, nach aufgehobener Tafel, bei länger 
werdenden Schatten, Friedrich mit seinen Gästen lust¬ 
wandeln sehen, und aus dem wohlanständigen Geflüster 
der Hofleute ein unbändig lautes Lachen die Gegenwart 
des unverbesserlichen La Mettrie verrät Seien wir nicht 
peinlicher, als der König selber, der sich vielleicht stirn¬ 
runzelnd umsieht, sogleich aber lächelnd im Gespräch 
mit Voltaire fortfährt. La Mettrie hat nun einmal 
schlechte Manieren, aber Friedrich weiß, daß in ihm 
das heilige Feuer lodert, und von den verneinenden 
Geistern um ihn her ist ihm dieser Schalk am wenigsten 
zur Last. 
Man mag La Mettrie’s Meinungen verdammen; nur 
darf man ihn nicht stärker tadeln, als die heutigen Mo¬ 
nisten. Oder will man ihn deshalb stärker tadeln, weil 
der heutige Monismus auf ihn sich zurückführen läßt, 
s° gönne man ihm auch die Bedeutung, die ihm als 
oberstem, wenn gleich etwas trübem Quell eines so 
mächtigen Stromes zukommt. 
Nach alledem haben wir uns La Mettrie’s, als eines 
unserer Vorgänger, nicht so arg zu schämen. Ein 
schulgerechter Philosoph, in dessen Kopfe die Welt 
paragraphenweise sich spiegelt, wie sie sein könnte und 
sollte, war er nicht. Dem Hafis näher verwandt als der 
otoa, folgte er, ein Jahrhundert vor Heinrich Heine, dessen 
Decker ‘Doctrin’:
        

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