Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über eine Kaiserliche Akademie der deutschen Sprache. In der Sitzung der Akademie der Wissenschaften zur Geburtstagsfeier des Kaisers und Königs am 26. März 1874 gehaltene Rede
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28637/2/
Über eine Kaiserliche Akademie der deutschen Sprache. 475 
einem bestimmten Fache der Wissenschaft zu über¬ 
nehmen, wie einst in der Chemie durch Liebig das kleine 
Hessen. Mit Sorge sah man jetzt drei deutsche Hoch¬ 
schulen, darunter eine, die in Verbindung mit einer Ge¬ 
sellschaft der Wissenschaften stets im ersten Range sich 
behauptet hatte, in Preußens Hand fallen. Auch wenn 
man für die künftige Blüte dieser Hochschulen die gün¬ 
stigsten Voraussetzungen zuließ, wozu die damaligen 
Verhältnisse nicht zwangen, mußte man sich sagen, daß 
die Einverleibung den edlen Wetteifer für die Folge un¬ 
möglich mache, durch den einst Göttingen sogar Berlin 
eine seiner größten wissenschaftlichen Zierden entwand. 
In Freundes- wie in Feindeslager war es Sitte geworden, 
in kürzerer oder längerer Frist, den Nieder-, wenn nicht 
den Untergang der kleinen Universitäten und der mit 
ihnen verbundenen gelehrten Gesellschaften zu prophe¬ 
zeien. Auf deren Kosten über Gebühr gewachsen, sollte 
nur noch die Berliner Hochschule lebenskräftig gedeihen, 
fortan aber ihre Strahlen umsonst in Finsternis und 
Kälte eines geistig leeren Raumes aussenden. 
Gegen diese Weissagung wandte ich ein, daß das 
deutsche Volk nicht das französische sei. Solche Unter¬ 
ordnung unter eine alles beherrschende Zentralgewalt, 
wie sie in Frankreich seit Richelieu und der Erdrückung 
der Hugenotten stattfand, ist in Deutschland literarisch 
wie politisch und religiös, unmöglich. Obschon der 
Deutsche nicht für besonders selbstsüchtig gilt, ist doch 
das Gefühl der Individualität bei ihm ungleich stärker 
als bei dem Franzosen. Er ist ungleich eifersüchtiger 
auf sein Recht zu handeln, zu denken, zu glauben, zu 
dichten und zu trachten, wie ihm beliebt. Er beugt sich 
keiner Autorität, bloß weil sie Autorität ist. Im 
Gegenteil, sie fordert seinen trotzigen Zweifel und seine 
nachdenkliche Prüfung heraus. In sich gekehrt und sich 
selber genug, bedarf er keiner großen Bühne, um sich 
zur Schau zu stellen. Die in Frankreich allmächtige 
Furcht vor dem Lächerlichen vermag in dem Maße 
weniger über ihn, wie er weniger eitel ist. Die Unab¬ 
hängigkeit, die er für sich beansprucht, gönnt er gern 
auch anderen. Das alles widersetzt sich bei uns jener 
ebenso übermütig geübten wie geduldig ertragenen
        

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