Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Grenzen des Naturerkennens. In der zweiten allgemeinen Sitzung der 45. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte zu Leipzig am 14. August 1872 gehaltener Vortrag
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28636/2/
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Über die Grenzen des Naturerkennens. 
und im Sinne der theoretischen Naturwissenschaft — ist 
Zurückfuhren der Veränderungen in der Körperwelt auf 
Bewegungen von Atomen, die durch deren von der Zeit 
unabhängige Zentralkräfte bewirkt werden oder Auflösen 
der Naturvorgänge in Mechanik der Atome. Es ist 
psychologische Erfahrungstatsache, daß, wo solche Auf¬ 
lösung gelingt, unser Kausalitätsbedürfnis vorläufig sich 
befriedigt fühlt. Die Sätze der Mechanik sind mathe¬ 
matisch darstellbar, und tragen in sich dieselbe apodik¬ 
tische Gewißheit, wie die Sätze der Mathematik. Indem 
die Veränderungen in der Körperwelt auf eine konstante 
Summe von Spannkräften und lebendigen Kräften, oder 
von potentieller und kinetischer Energie zurückgeführt 
werden, welche einer konstanten Menge von Materie an¬ 
haftet, bleibt in diesen Veränderungen selber nichts zu 
erklären übrig. 
Kant’s Behauptung in der Vorrede zu den Meta¬ 
physischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft, „daß 
in jeder besonderen Naturlehre nur so viel eigentliche 
Wissenschaft angetroffen werden könne, als darin Ma¬ 
thematik anzutreffen sei“ — ist also vielmehr noch 
dahin zu verschärfen, daß für Mathematik Mechanik der 
Atome gesetzt wird. Sichtlich dies meinte er selber, als 
er der Chemie den Namen einer Wissenschaft absprach, 
und sie unter die Experimentallehren verwies. Es ist 
nicht wenig merkwürdig, daß in unserer Zeit die Chemie, 
indem die Entdeckung der Substitution sie zwang, den 
elektrochemischen Dualismus aufzugeben, sich von dem 
Ziel, eine Wissenschaft in diesem Sinne zu werden, 
scheinbar wieder weiter entfernt hat. 
Denken wir uns alle Veränderungen in der Körper¬ 
welt in Bewegungen von Atomen aufgelöst, die durch 
deren konstante Zentralkräfte bewirkt werden, so wäre 
das Weltall naturwissenschaftlich erkannt. Der Zustand 
der Welt während eines Zeitdifferentiales erschiene als 
unmittelbare Wirkung ihres Zustandes während des 
vorigen und als unmittelbare Ursache ihres Zustandes 
während des folgenden Zeitdifferentiales. Gesetz und 
Zufall wären nur noch andere Namen für mechanische 
Notwendigkeit. Ja es läßt eine Stufe der Naturerkennt¬ 
nis sich denken, auf welcher der ganze Weltvorgang
        

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