Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Geschichte der Wissenschaft. In der Leibniz-Sitzung der Akademie der Wissenschaften am 4. Juli 1872 gehaltene Rede
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28635/2/
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Über Geschichte der Wissenschaft. 
Keine Art der Betrachtung scheint uns würdiger, 
diese öffentlichen Zusammenkünfte einzuleiten. Im all¬ 
gemeinen ist unsere Zeit wissenschaftlicher Rückschau 
wenig hold. Im stets wachsenden Drange des Tage¬ 
werkes, im Wettkampf mit immer sich mehrenden 
Scharen von Arbeitern, in der Hast des I^ervorbringens, 
in der Überstürzung eines Ehrgeizes, der mit dem Bei¬ 
fall des Tages vorlieb nimmt, weil er an wahrhaft 
großen, nur durch langatmige Arbeit zu erringenden 
Erfolgen verzweifelt: wie bliebe dem heran wachsenden 
Geschlechte von Forschern noch Zeit und Lust zu künst¬ 
lerischer Pflege des Erzeugten, vollends zu sinniger Be¬ 
trachtung der Vergangenheit? Der Weg, den die Vor¬ 
fahren in der Wildnis wanderten, bis das fruchtbare 
sichere Land sich öffnete, das wir bewohnen, ihre 
Irrungen, ihre Mühsale, ihre Kämpfe werden mehr und 
mehr vergessen. Kaum daß mit einigen von mythischem 
Hauch umwitterten Namen noch eine unbestimmte Vor¬ 
stellung bei der Menge sich erhält, von wannen einst der 
Zug der Halbgötter kam. 
Aber fragt man, worin akademisches Forschen, 
Wissen und Lehren von banausischem Treiben sich 
unterscheide, so ist sicher dies einer der bezeichnenden 
Punkte. Daß man wahrhaft nur das kenne, was man, 
wenn auch nur im Geiste, werden sah, ist längst triviale 
Wahrheit. Gleichviel, ob es um einen Organismus, ein 
Staatswesen, eine Sprache oder eine wissenschaftliche 
Lehre sich handle, die Entwickelungsgeschichte erschließt 
am besten Bedeutung und Zusammenhang der Dinge. 
Daraus scheint unmittelbar zu folgen, daß die beste 
Art eine Wissenschaft mitzuteilen, Erzählung ihrer Ge¬ 
schichte sei. Auch liegt Richtiges in dieser Schlußfolge, 
obschon ihre Anwendung notwendig beschränkt bleibt. 
In den geschichtlichen Wissenschaften und den be¬ 
schreibenden oder vorzugsweise auf Beobachtung an¬ 
gewiesenen Naturwissenschaften tritt die aus inneren 
Gründen vor sich gehende Entwickelung zu sehr zurück 
gegen den Einfluß äußerer Umstände. Der Bau der 
mathematischen Wissenschaften verwächst auf jeder Stufe 
zu einem so innigen Gedankengefüge, daß die Spuren 
seiner Entstehung fast ganz verschwinden. Weder dort
        

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