Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Der deutsche Krieg. In der Aula der Berliner Universität am 3. August 1870 gehaltene Rektoratsrede
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28633/22/
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Der deutsche Krieg. 
der tapfere deutsche Wachthund fürchtet den tollen Ar¬ 
dennenwolf nicht. 
Die Deutschen, Schweizer, Italiener, Belgier, Hol¬ 
länder, Skandinaven, Engländer, Amerikaner verstehen 
unter Zivilisation den Zustand, da jedes Volk mit allen 
anderen in Künsten des Friedens wetteifert, jedes durch 
Fleiß und durch Taten des Geistes für sich und so zu¬ 
gleich für alle, dem Ziele höchster dem Menschen er¬ 
reichbarer Macht und Wohlfahrt zustrebt, auf dem durch 
die Wissenschaft eröffneten Wege bewußter Naturbeherr¬ 
schung. Wie, nach Befriedigung berechtigter nationaler 
Wünsche, in solcher Gesellschaft noch Krieg ausbrechen 
könnte, ist in der Tat nicht abzusehen; es scheint als 
müßte sie auf der vorgezeichneten Bahn zu noch unge¬ 
ahnten Höhen des Glückes und Reichtums stetig und 
immer schneller ansteigen. 
In diese einmütige, verträgliche Völkerfamilie paßt 
das heutige Frankreich nicht. Es wähnt sich an der 
Spitze der Zivilisation, aber es täuscht sich, trotz dem 
Glanz seiner Hauptstadt, trotz seiner Wissenschaft, Kunst 
und Industrie, seinem Luxus und seiner Eleganz. Denn 
es hat versäumt, den großen Schritt mitzumachen, der 
im letzten halben Jahrhundert fast alle anderen Völker 
zur Erkenntnis ihrer wahren Aufgabe geführt hat. Es 
träumt noch epileptisch von Kriegsruhm und Eroberung. 
In unserem Sinne sind daher die Franzosen kein zivili¬ 
siertes Volk. Die alte keltische Wildheit, welche Irland 
zugrunde richtet, steckt auch ihnen im Blute. Es gab 
einst ein edles Volk der Franzosen, auf dem anderer 
Völker Blick bewundernd beifällig ruhte, welches in vielen 
Stücken einen Lehrer und Wohltäter der Menschheit sich 
nennen durfte. Was ist aus ihm geworden? Neben 
friedlichen Kauffahrern ein tückisch abseits segelnder 
Korsar, der im nächsten Augenblick vielleicht die rote 
Flagge zum Angriff hißt; inmitten reich angebauter Land¬ 
schaft ein ewig unruhiger Feuerberg, aus dessen Kessel 
jeden Tag hier- oder dahin die Lava sich ergießen kann: 
das ist das gegenwärtige Frankreich neben den anderen 
Völkern in Europa. Was seit zwanzig Jahren die Fran¬ 
zosen zu den Fortschritten der Kultur beitrugen, ist 
nichts im Vergleich zum Schaden, den sie in demselben
        

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