Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Leibnizische Gedanken in der neueren Naturwissenschaft. In der Leibniz-Sitzung der Akademie der Wissenschaften am 7. Juli 1870 gehaltene Rede
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28632/4/
Leibnizische Gedanken in der neueren Naturwissenschaft. 373 
ganz leeren Raum; folglich ist Alles erfüllt.“ Ähnlich 
beweist Leibniz die Teilbarkeit der Materie ins Unend¬ 
liche oder das Nichtvorhandensein von Atomen.2 Der 
Lehre von der Erhaltung der Kraft, welche unsere Welt¬ 
anschauung beherrscht, gab Leibniz zuerst den richtigen 
Ausdruck, und wie treffend ist das Bild, durch welches 
er die Umwandlung von Massenbewegung in Molekular¬ 
bewegung erläutert: es sei wie das Umwechseln eines 
großen Geldstückes in Scheidemünze.3 Aber wie für 
Descartes ist auch für ihn die Konstanz der Kraft nur 
ein Ausfluß des göttlichen Willens. 
Die widernatürliche Verbindung der spekulativen 
Theologie mit der Mathematik bei Leibniz zeigt sich 
nirgend greller als in dem Grundgedanken seiner Theo¬ 
dizee. Von Kindheit auf, wie er selber berichtet,4 von 
dem Rätsel gepeinigt, welches der Ursprung des meta¬ 
physischen, physischen und sittlichen Übels in der Welt 
sei — der Unvollkommenheit, des Schmerzes und der 
Sünde —, da doch Gott, als vollkommen gut und als 
allmächtig, das Übel anscheinend nicht hätte schaffen 
dürfen, wird Leibniz durch die Königin Sophie Char¬ 
lotte von Preußen, der Bayle’s Schriften dasselbe Be¬ 
denken eingeflößt hatten, um Aufklärung gebeten. Be¬ 
kanntlich verdankte ihm die Theorie der Maxima und 
Minima der Funktionen durch die Auffindung der Me¬ 
thode der Tangenten den größten Fortschritt. Auch 
wußte er schon verwandte Aufgaben aus der späteren 
Variationsrechnung zu behandeln, die Funktion zu finden, 
welche eine Größe zum Maximum oder Minimum macht. 
Nun stellt er sich Gott bei Erschaffung der Welt wie 
einen Mathematiker vor, der eine Maximumaufgabe löst: 
die Aufgabe, unter unendlich vielen möglichen Welten, 
die ihm unerschaffen vorschweben, die zu bestimmen, für 
welche das Verhältnis des Guten zum unumgänglichen 
Übel ein Maximum würde; wie man den kürzesten Weg 
zwischen zwei Punkten, den größten Flächenraum bei 
gleichem Umfange, die Kurve schnellsten Falles bestimmt. 
Diese bestmögliche Welt hat Gott ins Dasein gerufen: 
es ist die Welt, in der wir leben. 
Wenig spekulative Gedanken haben auf die Literatur 
so unmittelbaren Einfluß geübt, wie dieser. Bis in die
        

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