Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Voltaire als Naturforscher. In der Friedrichs-Sitzung der Akademie der Wissenschaften am 30. Januar 1868 gehaltene Rede
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28629/7/
324 
Voltaire als Naturforscher, 
England war mittlerweile Frankreich um fast ein 
Jahrhundert in seinen Kulturphasen voraus. Es erscheint 
wie ein Gesetz in der geistigen Entwickelung der Völker 
welches sich mehr oder minder an Hellas, Rom, Italien 
England, Frankreich und Deutschland bewährt, daß ein 
Volk zuerst seine Dichter, dann seine Philosophen, zu¬ 
letzt seine Naturforscher hervorbringt. Die Blüte der 
Naturwissenschaft in Frankreich folgt daher auf ihre 
Blüte in England etwa in dem Abstande, wie Racine 
und Molière auf Shakspeare. Zur Zeit, von der wir 
reden, hatte in England die mathematische Physik, der 
Idee nach, durch Newton schon ihre volle Höhe er¬ 
reicht. Am 8. April 1727 konnte Voltaire Newton’s 
Sarg durch sechs Herzoge und Grafen nach Westminster 
geleiten sehen. Gegen seine eigenen Erfahrungen über 
die Stellung eines Autors zur Aristokratie in Frankreich 
stach der Anblick kaum greller ab, als gegen die dort 
noch allmächtige, himmelstürmende Synthese der Principia 
philosophiae der in England durch die Principia mathema- 
tica längst eingebürgerte Geist sich bescheidender Analyse. 
Die Stärke des Eindruckes, den Voltaire hiervon 
empfing, bezeugen seine aus England geschriebenen 
‘Philosophischen Briefe’, welche am 10. Juni 1734 in Paris 
von Henkershand verbrannt wurden. Wie der dortige 
Aufenthalt ästhetisch und politisch für ihn fruchtbar 
ward, so kehrte er auch als feuriger Apostel Locke’s und 
Newton’s nach Frankreich zurück. Durch ihn zu New¬ 
ton bekehrt, übersetzte Madame du Châtelet die 
Principia, und kommentierte sie unter Clairaut’s Beistand 
algebraisch, eine Arbeit, mit der gerade damals auch 
die beiden französischen Minoriten, Jacquier und Le Seur, 
in Rom sich beschäftigten.7 Noch scheint Voltaire nicht 
daran gedacht zu haben, in diesem Gebiet als Schrift¬ 
steller aufzutreten, als der junge Venetianer Algarotti, 
später einer von Friedrich’s liebsten Gesellschaftern, 
seine im galanten Stil der FoNTENELLE’schen Mondes ge¬ 
schriebenen Gespräche, Il Newtonianismo per le Donne, 
in Cirey vorlas. Da unternahm es Voltaire, seinerseits 
in Frankreich weitere Kreise mit der NEWTON’schen Lehre 
bekannt zu machen, und so entstanden seine Élémens 
de la Philosophie de NeutonP
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.