Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Voltaire als Naturforscher. In der Friedrichs-Sitzung der Akademie der Wissenschaften am 30. Januar 1868 gehaltene Rede
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28629/6/
Voltaire als Naturforscher. 
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Physik anregten, ist natürlich. Wie Frau von Grafigny 
berichtet, nahm die Anregung sogar die Form an, daß 
die Marquise die Handschrift des 'Zeitalters Ludwig’s XIV.’ 
konfiszierte, damit Voltaire nicht mit solchen Dingen die 
Zeit verdürbe.5 Allein diese äußeren Einflüsse trafen ihn so 
vorbereitet, daß ersogar bedeutender Rückwirkung fähig war. 
Als nach dem scheußlichen Vorgänge, der dem 
Namen de Rohan - Chabot ephialtische Unsterblichkeit 
sichert, Voltaire 1726 sich nach England begab, 
herrschten in Frankreich noch fast unbestritten die 
Lehren René Descartes’. Indem dieser kühne Denker 
die Fesseln der Scholastik brach, hatte er nicht nur 
einem für die Freiheit noch unreifen Geschlecht ein ge¬ 
fährliches Geschenk gemacht, er selber hatte auch für 
dessen Gebrauch kein gutes Beispiel gegeben. Der Er¬ 
finder der Methode war der erste, welcher ihrer vergaß. 
So groß seine Erfolge in der Mathematik waren, wo die 
Natur der Dinge seiner Einbildungskraft Zügel anlegte, 
so seltsam erscheinen seine Irrwege in der Physik, so¬ 
bald er den Boden der unmittelbaren Erfahrung verläßt. 
Über Konstitution der Materie, Ursache der Schwere, 
Natur des Lichtes, Sonnenflecke, Ebbe und Flut, über 
alles greift er naiv die ausgelassensten Hypothesen aus 
der Luft, wie die der schraubenförmigen Molekeln, durch 
deren Wirbel er den Magnet erklärt, und über welche 
Voltaire nicht müde wurde, sich lustig zu machen. Aber 
nachdem einmal seine Lehre die peripatetischen Dogmen 
besiegt hatte, ward sie selber der Gegenstand eines nicht 
minder zähen Vorurteils. In demselben Jahre 1686, da 
Newton der Royal Society die Principia mathematica 
vorlegte, stellte Fontenelle die Cartesische Lehre ge¬ 
meinfaßlich dar in seinen einst so berühmten Gesprächen 
‘Über die Mehrheit der Welten’, die heute fast so ver¬ 
gessen sind, wie die Komödie, zu welcher er den Stoff 
der ‘Braut von Korinth’ verarbeitete.6 Vierzig Jahre 
später hielt er als Sekretär der Akademie diese Lehre 
sogar in seiner Gedächtnisrede auf Newton noch aufrecht. 
Wie die Akademie, so beherrschte sie auch Hof und 
Stadt, und die Jesuiten, in deren Händen meist die Er¬ 
ziehung lag, schworen bei Descartes, wie sie kurz vorher 
bei Aristoteles geschworen hatten.
        

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