Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Voltaire als Naturforscher. In der Friedrichs-Sitzung der Akademie der Wissenschaften am 30. Januar 1868 gehaltene Rede
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28629/17/
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Voltaire als Naturforscher. 
Kritiker, Hr. Sainte-Beuve, sieht in Voltaire’s physikalisch¬ 
mathematischen Studien nur eine durch die Einflüsse 
von Cirey bedingte, „sehr unnütze Abschweifung, welche 
nahe daran war, ein Irrweg zu werden“; als deren ein¬ 
zige Frucht läßt er einige hübsche Verse über die pris¬ 
matische Zerlegung des Lichtes gelten, welche Biot in 
seinen Vorlesungen anzuführen pflegte.38 Ich gab schon 
zu verstehen, daß ich diese Auffassung nicht teile. Bei 
Jean-Jacques Rousseau’s zerfahrenem Wesen mag es erlaubt 
sein, in seiner dilettierenden Beschäftigung mit Botanik 
nur einen müßigen Abweg seines verdüsterten Sinnes 
zu sehen, und auch hier ist die Frage, ob nicht diese 
Neigung in der Tiefe mit jenem Gefühl für Naturschön¬ 
heit zusammenhing, welches Rousseau der französischen 
Literatur einpflanzte. Von einem Menschen aus Einem 
Guß aber, wie Voltaire, in dessen Lebensdrama von 
seinem Besuch bei Ninon, der Aspasia der Fronde, bis 
zur Aufführung der Irene fast am Vorabend der Revo¬ 
lution, eine Einheit der Handlung herrscht, wie nur in 
einem seiner Trauerspiele, darf man nicht dergestalt eine 
Seite als oberflächlich anhaftend und gleichgültig ablösen. 
Meines Erachtens verkennt man Voltaire’s Beziehung 
zur Naturwissenschaft, indem man sie nur in dem Ein¬ 
fluß sucht, den seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse 
auf ihn übten, obschon auch dieser weiter ging, als Hr. 
Sainte-Beuve annimmt. Hätten sie wirklich ihn nur zu 
poetischen Lehrvorträgen in Pope’s Geschmack befähigt, 
wie sie später Goethe weit besser gelangen, oder ihm 
nur den Stoff geboten zu gelehrten Gleichnissen, wie 
man sie schon bei Shakspeare und Milton findet?39 
Ohne jene Kenntnisse vermochte Voltaire nicht, die 
tödliche Schmähschrift wider den Präsidenten dieser 
Akademie, seinen ehemaligen Freund Maupertuis, zu ver¬ 
fassen, die verhängnisvoll Tür sein Verhältnis zu Fried¬ 
rich ward, und dadurch tief in sein Geschick eingriff. 
Sie bildeten die Grundlage seiner natürlichen Theologie, 
und seine unerschöpfliche Rüstkammer in dem doppelten 
Kampf, den er gegen Atheismus und gegen Orthodoxie 
bis zum letzten Hauch führte. Waren die ewigen Natur¬ 
gesetze seine Waffe wider den Wunderglauben in der 
heiligen wie in der profanen Geschichte, so hielt er
        

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