Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Gedächtnisrede auf Johannes Müller. Gehalten in der Leibniz-Sitzung der Akademie der Wissenschaften am 8. Juli 1858
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28628/65/
Das Handbuch der Physiologie. 
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System sich in der neueren Philosophie wiederholt und 
weiter entwickelt habe. Dieselben Worte aus den Dia¬ 
logic dieses Johann Huss der philosophischen Reform, die 
schon vor Müller’s Inaugural-Dissertation vom Jahr 1822 
stehen, kehren hier, wo er zum letztenmal über meta¬ 
physische Dinge sich äußert, mit gleichem Nachdruck 
wieder:102 zum Zeichen, wie stetig, trotz mancher schein¬ 
baren Wandlung, Müller’s Entwickelung, wie aus Einem 
Gusse sein Wesen war. Doch ist schwer zu verstehen, 
wie er mit der Vorstellung allgemeiner Beseelung der 
Materie seinen Vitalismus verband, der vielmehr als Ein¬ 
kleidung der bewegenden Ideen Platon’s erscheint. 
Sehr bemerkenswert mit Rücksicht auf die neuere 
Erkenntnistheorie ist die entschiedene Stellung, welche 
Müller gegen Kant’s angeborene Verstandeskategorien 
nimmt. Er geht im Sensualismus soweit, daß er sogar 
die Apriorität des Kausalitätsbegriffes bezweifelt, und als 
einziges ursprüngliches Vermögen des menschlichen 
Geistes das der Bildung allgemeiner Begriffe, den Xoyoç, 
gelten läßt, worin allein er auch die Überlegenheit der 
Menschen- über die Tierseele erblickt.108 
Die eingehende Untersuchung der Tierseele erinnert 
an das Interesse, welches Müller an den Lebensgewohn¬ 
heiten der Tiere, als Ausdruck ihres geistigen Wesens, 
nahm. Die Zootomie hat nie bei ihm, wie so häufig bei 
den Einzelnen und in der Wissenschaft im allgemeinen, 
die Naturgeschichte, das Studium des toten nie das des 
lebenden Tieres verdrängt. Seine frühe Schilderung der 
Spinne in der Tsis’ ist Buffon’s würdig; aber noch viel 
später konnte er sich in die Beobachtung der Manieren 
eines großen Hundes vertiefen, der sein Hausgenosse war, 
um die das Tier bewegenden Strebungen zu entziffern. 
Aus der Lehre von den Vorstellungen ist zu er¬ 
wähnen, daß Müller an Stelle der Assoziation der Ideen 
das Schwanken der Begriffe vom Konkreten zum Ab¬ 
strakten, von diesem zu einem anderen Konkreten setzt. 
Die Leidenschaften behandelt er nach Spinoza als gegen¬ 
einander wirkende Potenzen der Lust, Unlust, Begierde, 
auf welche er mit Herbart eine Art von Statik an- 
wendet. Daß beim Verfasser der 'Phantastischen Ge- 
S1chtserscheinungen’die Sinnesphantasmen und der Traum
        

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