Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Gedächtnisrede auf Johannes Müller. Gehalten in der Leibniz-Sitzung der Akademie der Wissenschaften am 8. Juli 1858
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28628/23/
Heirat und Krankheit. 
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äußerster Abspannung, welches ihm jede etwas an¬ 
strengende körperliche Bewegung unmöglich machte, ja 
das Gehen erschwerte. Gleich allen phantasiereichen 
und an Gesundheit gewöhnten Menschen, wenn sie ein¬ 
mal krank werden, vorzüglich aber wenn ärztliche Bil¬ 
dung sie befähigt, schreckliche Krankheitsbilder an das 
leiseste subjektive Symptom zu knüpfen, malte sich 
Müller seine Lage ins Düsterste aus. Er glaubte an 
einer Krankheit des Rückenmarkes zu leiden, welche 
nach gänzlicher Lähmung der Beine mit dem Tode 
endigen würde, und gab in traurigster Entmutigung 
seine schon begonnenen Vorlesungen im Sommersemester 
1827 wieder auf. Unter diesen befand sich ein neues 
Publikum: ‘Über die physiologischen Grundsätze der 
Physiognomik’, welches er nicht wieder angekündigt 
hat. Doch scheint er, wie tief er sich auch ergriffen 
fühlte, seine Arbeiten nie ganz unterbrochen zu haben. 
Die später ausführlicher zu erwähnende Abhandlung über 
das Eingeweidenervensystem der Insekten wurde während 
seiner Krankheit vollendet, und die Vorrede zu dem 
‘Grundriß der Vorlesungen über die Physiologie’ ist 
vom Juli desselben Sommers gezeichnet. 
Die Kunde von Müller’s Leiden verbreitete sich 
rasch, und gelangte, in gewohnter Weise übertrieben 
und wunderlich entstellt, auch zu Ohren seiner Berliner 
Gönner. Auf den Bericht, den Müller’s Arzt, Philipp 
Friedrich von Walther, damals Direktor der chirur¬ 
gischen Klinik in Bonn, dem Minister erstattete,37 erhielt 
Müller Urlaub und eine Unterstützung zu einer Er¬ 
holungsreise. Ein Einspänner wurde gemietet, auf dem 
Müller, selber die Zügel führend, mit seiner Gattin vier 
Wochen lang ins Oberland und nach den näher ge¬ 
legenen Universitäten fuhr, bis der leicht gewordene 
Säckel zur Heimkehr mahnte, und zugleich die nervöse 
Verstimmung in ein behagliches Wohlbefinden sich auf¬ 
gelöst hatte. Tägliches Schwimmen im Rhein, auch als 
der Strom schon mit Eis ging, und Reiten vollendeten 
seine Genesung. So wurde er der Wissenschaft wieder¬ 
gegeben, aber nicht als der frühere Müller, denn eine 
emste Wandlung hatte sich in seinem Inneren zuge¬ 
tragen.
        

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