Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über tierische Bewegung. Im Verein für wissenschaftliche Vorträge zu Berlin am 22. Februar 1851 gehaltene Rede
Person:
Du Bois-Reymond, Emil
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit28624/15/
Über tierische Bewegung. 
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weiße Stränge, die dicksten im menschlichen Körper fast 
so dick wie der kleine Finger. Wie ein Baum seine 
Wurzeln in das Erdreich streckt, so verzweigen sich 
vom Gehirn und von der im Rückgrat gelegenen Fort¬ 
setzung des Gehirnes aus, die man Rückenmark nennt, 
die Nerven nach allen Punkten des Körpers hin. 
Doch ist diese Verzweigung nur scheinbar. Das 
Mikroskop lehrt nämlich, daß die Nerven aus lauter glas¬ 
hellen Fäden bestehen, die etwa zwanzigmal dünner als 
ein Frauenhaar in einer häutigen Scheide eingebettet 
liegen, wellig gleich den Haaren einer aufgegangenen 
Flechte. Wo die Scheide dünn genug ist, schimmern 
daher die Nerven moiréartig wegen der welligen Lagerung 
der Primitivfäden. Diese Fäden nun gehen, ohne sich 
zu verzweigen oder miteinander zu verschmelzen, in 
gleicher Dicke vom Gehirn bis zu dem Punkte des 
Körpers, wo sie enden, und die scheinbare Verzweigung 
der Nervenstämme beruht also nur darauf, daß mehrere 
solche Fäden sich zu einem Bündel, mehrere Bündel zu 
einem Strange sammeln und so fort, bis endlich jene 
dicken Stämme zustande kommen. 
Die Fäden nehmen einen doppelten, wesentlich ver¬ 
schiedenen Verlauf, je nachdem sie zur Bewegung oder 
zur Empfindung dienen sollen. Die einen sind zwischen 
den Sinneswerkzeugen, wozu auch die Haut gehört, und 
dem Gehirn angebracht; dies’ sind die Empfindungs¬ 
fäden. Die anderen zwischen dem Gehirn und den 
Muskeln; dies sind die Bewegungsfäden. Denken Sie 
sich, einer Schnitterin sei einer ihrer langen Zöpfe auf¬ 
gegangen, und sie hätte, während ein Bursche sie neckte, 
den Zopf in eine Garbe mit hineingebunden; so haben 
Sie ein Bild davon, wie ein Bündel von Bewegungsfäden 
sich in einen Muskel versenkt; die Haare der Flechte 
sind die Primitivfäden der Nerven, die Halme der Garbe 
sind die dickeren Längsfasern des Muskels. 
Was von Farben und Formen je Ihr Auge ent¬ 
zückte; von gewaltig rührenden Tönen Ihr Ohr beseligte; 
von Duft und Wohlgeschmack Ihrem Gaumen schmeichelte; 
was, aus der Skale der Empfindungen, vom grimmigsten 
Schmerz durch stilles Behagen hindurch bis zum Taumel 
sprachloser Lust Ihren Sinn traf: es nahm seinen Weg
        

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