Bauhaus-Universität Weimar

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Das Elektrenkephalogramm des Menschen 
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ein Überhasten, Überstürzen des Ablaufs derselben, wobei einzelne Teilstücke weg¬ 
fallen, um einen Galopprhythmus des E. E. G. ! 
Wie sind nun diese Befunde am E. E. G. physiologisch zu deuten? Wir wissen, 
daß Pernocton und Evipan am Hirnstamm, also wahrscheinlich im Schlafsteuerungs¬ 
zentrum, am Thalamus selbst oder in seiner Nachbarschaft, ihren ersten Angriffs¬ 
punkt haben. Es kommt, sowie die narkotische Wirkung eintritt, zu einer erheblichen 
Höhenzunahme und zu einem überstürzten Ablauf der a-W. des E. E. G., so daß 
eben diese Gruppenbildung auftritt. Diese Veränderung ist am einfachsten durch 
den Fortfall eines hemmenden und regelnden Zügels zu erklären, der von dem ersten 
Angriffspunkt dieser Mittel, also vom Thalamus aus, auf die gesamte Hirnrinde oder 
vielmehr die Vorgänge in der ganzen Hirnrinde, deren bioelektrische Begleiterschei¬ 
nungen das E. E. G. zur Darstellung bringt, einwirkt. Es handelt sich um eine „Ent¬ 
hemmung“ dieses Teiles der Hirnrindentätigkeit. Wie kommt nun diese Enthemmung 
zustande ? Wir wählen auch da die einfachste und am nächsten liegende Erklärung, 
daß es der Fortfall der der Rinde auf dem Wege über den Thalamus ständig von dem 
eigenen Körper und der Außenwelt zufließenden, meist unterschwelligen Erregungs¬ 
vorgänge sei, die eine ständige Hemmungswirkung auf diese Rindenvorgänge aus¬ 
üben. Mit diesem Fortfall aller sensiblen und sensorischen Reize für die Hirnrinde 
ist auch deren motorische Leistung gleichzeitig ausgeschaltet, so daß es sich bei 
dem Ausfall der motorischen Leistung der Rinde lediglich um eine einfache Folge¬ 
wirkung der Ausschaltung aller zufließenden Erregungen handelt. Wir müssen an¬ 
nehmen, daß infolge einer uns unbekannten Einwirkung, die von dem Schlafsteuerungs¬ 
zentrum ausgeht, die zuführenden Bahnen im Thalamus eine Unterbrechung erfahren, 
etwa undurchgängig werden auf Grund einer Abschaltung oder dergleichen. Dem 
Thalamus kommt, worauf Clark1 in einer großangelegten anatomischen Arbeit wieder 
hingewiesen hat, eine ganz besondere Bedeutung insofern zu, als alle sekundären, 
sensiblen und sensorischen Bahnen, mit Ausnahme der Riechwege, mit dem Thalamus 
in Zusammenhang stehen. Dieser Zusammenhang und die intrathalamische Umlage¬ 
rung und Veränderung der auf diesen Bahnen zugeführten Reize lassen den Thalamus 
als „anatomisches Äquivalent der wahren Bewußtseinsschwelle“ erscheinen. Die von 
der Rinde kommenden, der willkürlichen Innervation dienenden motorischen Bahnen 
haben mit dem Thalamus nichts zu tun, so daß sie hier keine Abschaltung oder Unter¬ 
brechung etwa unter der Einwirkung des Pernoctons, Evipans usw. erfahren. Ich 
erkläre mir den Ausfall der motorischen Leistung, wie schon oben ausgeführt wurde, 
als notwendige Folgeerscheinung des Fortfalls aller der Rinde zufließenden An¬ 
regungen. Mit der Annahme von solchen ständigen Hemmungserscheinungen für die 
Großhirnrinde können wir uns auf bekannte physiologische Tatsachen stützen. Dank 
der Untersuchungen von Dusser de Barenne und Marshall kennen wir derartige 
Enthemmungserscheinungen an der Großhirnrinde der Tiere. Durch Blockierung 
eines Punktes der motorischen Zone der Großhirnrinde von Katzen, Hunden und 
Affen gegenüber seiner Umgebung durch einen Wall von Novocain konnten diese 
Forscher nachweisen, daß viele Minuten lang die Erregbarkeit dieses Punktes eine 
1 Clark, Les Gros, The structure and connections of the thalamus. Brain 55, 406 (1932). Ref. 
Zbl. Neur. 66, 203 (1933).
        

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