Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Beweise für die leitende Funktion der Neurofibrillen
Person:
Bethe, Albrecht
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit27655/9/
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Funktionsstörungen) will ich übergehen und nur noch einen erwähnen,, 
gegen den sich gar keine Einwände oder höchstens sehr gezwungene 
erheben lassen1): Durch Kompression kann man auf ziemlich ausge¬ 
dehnte Strecken die Perifibrillärsubstanz fast ganz aus den Achsen¬ 
zylindern herausdrängen, ohne daß die komprimierte Stelle leitungs¬ 
unfähig wird. Leitungsunfähigkeit tritt erst ein, wenn sich auch 
Veränderungen in der Färbbarkeit der Neurofibrillen zeigen. Die 
Rechnung ergibt, daß die Perifibrillärsubstanz auf mindestens 1/200 re¬ 
duziert werden kann, ohne daß eine Funktionsstörung eintritt. Dies 
spricht sicherlich nicht dafür, daß die Perifibrillärsubstanz das Leitende ist! 
Gegen die Annahme, daß die Neurofibrillen (eventuell als Kern 
eines Kernleiters) das leitende Element darstellen, sind auch von 
physiologischer Seite durch Ceemer2 3) Bedenken geäußert worden. 
Wären sie das Leitende, so müßten nach Cremers Berechnung die 
elektromotorischen Kräfte beim Aktionsstrom nach ganzen Volt zählen. 
Dies ist in der Tat unwahrscheinlich, aber durchaus nicht undenkbar. 
Cremers Berechnung basiert aber auf der Annahme, daß Fibrille und 
Perifibrillärsubstanz das gleiche elektrolytische Leitvermögen besitzen, 
eine Annahme, die ebensogut richtig wie falsch sein kann. Auch 
Cremer8) setzt gewisse Bedenken in die Beweiskraft meines oben er¬ 
wähnten Hirudo-Versuches. Diese Bedenken sind in der Hauptsache 
abgeleitet aus theoretischen Vorstellungen über den Zusammenhang 
zwischen den elektrischen Erscheinungen am Nerven und den Leitungs¬ 
phänomenen, die unter dem Namen vKernleitertheorie“ bekannt sind. 
Bei der Kürze seiner Ausführungen kann ich nicht übersehen, ob 
wirklich, wie Cremer will, aus der Kernleitertheorie hervorgeht, daß 
sich über die Fortpflanzungszeit der Erregung bei Längenveränderung 
des Kernleiters nichts Voraussagen läßt. Auf keinen Fall können aber 
diese Bedenken zur Ablehnung meines Beweises zwingen, indem sie 
auf einer noch vielfach umstrittenen Theorie, nicht aber auf tat¬ 
sächlichen Feststellungen basieren. 
v. Lenhossék erklärt in seiner Arbeit nicht nur die Beweise für 
die leitende Natur der Neurofibrillen für nichtssagend, sondern er führt 
auch verschiedene histologische Befunde an, welche direkt gegen die 
Richtigkeit dieser Lehre sprechen sollen. Zu diesen Befunden zählt 
die Tatsache, daß in fast allen Protoplasmafortsätzen der Wirbeltier¬ 
ganglienzellen zahlreiche Fibrillen vorhanden sind, welche den Ganglien- 
1) Bethe, Allg. Anat. u. Physiol, d. Nervensystems, 1903, p. 256 u. f. 
2) Cremes, Nagels Handbuch der Physiologie, Bd. 4, 1909, Abt. 2, 
H. 3, p. 934. 
3) A. a. 0. p. 935.
        

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