Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Experimentelle Untersuchung der einfachsten psychischen Processe: Erste Abhandlung
Person:
Exner, Sigmund
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit2570/31/
Experimentelle Untersuchung d. einfachsten psychischen Processe. 631 
dann ein Stadium der latenten Sinnesreizung nicht nur nicht in 
der genannten Grösse, sondern überhaupt nicht existiren. Ich 
sage, ich halte dies für unwahrscheinlich, denn die geringste 
Zahl, welche ich als ßeactionszeit für den optischen Eindruck 
erhielt, beträgt 0,1220, und die geringste, welche ich bei directer 
electrischer Reizung bekam, 0,1007. Diese beiden Endzahlen 
zeigen immer noch eine nicht unbedeutende Ditferenz. 
Selbstverständlich ist dies nur ein Wahrscheinlichkeitsgrund 
für die Existenz einer latenten Sinnesreizung; um den Beweis 
für dieselbe herzustellen, hätte man die Aufgabe zu lösen, dem 
Sensorium gleich starke Erregungen einmal stammend von opti¬ 
scher Reizung der Retina, und das andere Mal von directer 
Nervenreizuug, zuzuführeu, und in diesen beiden Fällen die Re- 
actionszeit zu messen. Die Lösung dieser Aufgabe scheitert an 
der Unmöglichkeit, die Intensität der Lichtempfindung, welche 
ein electrischer Schlag hervorruft, mit der Intensität einer auf 
gewöhnlichem Wege erzeugten Lichtempfindung genau zu ver¬ 
gleichen. Obwohl sieb nun kaum Jemand finden dürfte 
der behauptet, dass die Intensität des electrisehen Funkens ge¬ 
ringer sei als jene des directen electrisehen Schlages, so ist uns 
damit doch noch nicht geholfen; denn der electrische Funke 
reizt nur eine sehr kleine Netzhautstelle, während der electrische 
Schlag immer eine Licktempfindung im Bereiche eines grossen 
Theiles der Netzhaut verursacht, und wir wissen nichts davon, was 
für einen Einfluss die Ausdehnung der gereizten Netzhautstelle 
auf die Reactionszeit hat1). 
So müssen wir diese Frage wohl offen lassen und uns be¬ 
gnügen es für wahrscheinlich zu halten, dass es in unserem Falle 
eine latente Sinnesreizung giebt, d. h. dass, nachdem das Bild 
des electrisehen Funkens, dessen Dauer bekanntlich unmessbar 
kurz, dessen Intensität also enorm gross ist, auf der Netzhaut 
gelegen hat, ein Moment eiutritt, in welchem die Nervenhaut die 
ihr zugeführten Kräfte verarbeitet, sie aber noch nicht so weit 
verarbeitet hat, dass dieselben eine Nervenerregung veranlasst 
1) Wie ich in einer früheren Abhandlung nachgewieseu habe, wächst 
die Zeitdauer, durch welche ein Bild von gewisser Intensität auf der Netz¬ 
haut liegen muss, um überhaupt eine Lichtempflndung hervorzurufen, wenn 
man die Ausdehnung dieses Bildes verringert (Wiener Akad. d. Wiss. 1868). 
Etwas Aehnliches könnte auch hier der Fall sein. 
Pflüger, Archiv für Physiologie. Baud VIL 39
        

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