Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der physiologischen Methodik, Dritter Band, Zweite Hälfte: Zentrales Nervensytem, Psychophysik, Phonetik
Person:
Tigerstedt, Robert
PURL:
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J. Poirot, Die Phonetik. 
entweder relative oder absolute Angaben im Auge haben kann; die letztere 
Feststellung ist schwieriger und erfordert eine spezielle, musikalische Schu¬ 
lung, die für die erstere nicht notwendig ist. Selbstverständlich sind abso¬ 
lute Angaben immer vorzuziehen; doch sind die nur relativen Angaben auch 
sehr wertvoll. 
Wie fein das Ohr die Sprechtonhöhen auch festzustellen vermag, so ist 
es doch unzweifelhaft, daß die Apparate weit genauere Angaben liefern. 
Mit der Untersuchung der Klang- und Stimmqualitäten ist es aber ganz 
anders bestellt. Für die Bestimmung der Stimmtonverhältnisse und der 
Stimmqualitäten (Voll-, Flüster-, Baßstimmen usw.) ist das, nötigenfalls mit 
dem Stethoskop *) verstärkte Ohr ein ausgezeichnetes Beobachtungsmittel, 
das einen wirklich geübten Phonetiker nicht so leicht im Stich läßt. Des¬ 
halb sind Angaben, wie man sie mitunter in phonetischen Arbeiten zu lesen 
bekommt, daß gewisse akustische Merkmale von Sprechlauten nur experi¬ 
mentell, aber auf subjektivem Wege nicht erkennbar sind, mit großer Re¬ 
serve aufzunehmen; denn es hat sich m. W. manchmal herausgestellt, daß 
die resp. Forscher die bescheidene Einschränkung „für mich“ hätten hinzu¬ 
fügen sollen. Man könnte beinahe den Satz aufstellen: was der Apparat 
klar und deutlich aufweist, ohne daß ein Apparatenfehler vorliegt, muß auch 
von einem geübten Ohr unter günstigen Beobachtungsverhältnissen gehört 
werden können. Dasselbe gilt von den Klangqualitäten. Natürlich darf 
man nicht von unserem Ohr, wie von den Sinnesorganen überhaupt, Resul¬ 
tate fordern, wofür es nicht bestimmt ist. Wenn wir uns aber auf den Ge¬ 
samteindruck, den ein Laut auf das Ohr macht, auf den Habitus des Lautes 
sozusagen, beschränken, so ist es wohlbekannt, daß das Unterscheidungs¬ 
vermögen eines guten Ohres staunenswert ist. Um das Zeugnis des Gehörs 
in dieser Beziehung abzulehnen, müßte man den Beweis erbringen, daß die 
genaue Analyse (z. B. nach Fourier sehen Reihen) der Kurven, die der 
beste Aufnahmeapparat für zwei gerade noch deutlich unterscheidbare 
Nuancen eines Lautes liefert, ebenso deutlich verschiedene Resultate zeigt. 
So weit sind wir in der Technik noch nicht gekommen. Wenn Apparat 
und Gehör einander widersprechen, so soll man mit der Verwerfung der 
Beobachtungsresultate äußerst vorsichtig sein. Von den Resultaten der Dialekt¬ 
forschung nach den Beobachtungsmethoden sind also die Feststellungen der 
Lautnuancen (soweit es sich um die bloße Konstatierung der Klangver¬ 
schiedenheit handelt) der sicherste Teil. 
Es sind Untersuchungen vorgenommen worden, um die Unterscheid¬ 
barkeit der Klang- und Stimmqualitäten durch das Ohr festzustellen. Die 
gewöhnliche phonetische Erfahrung zeigt zuerst, daß die Leistungsfähigkeit 
des Ohres mit jener des eigenen Sprechapparates in Beziehung steht, so daß 
Meinhoff den (meines Erachtens doch übertriebenen) Satz aufstellt: man 
hört nur das genau, was man selbst sprechen kann. (Gutzmann (9) S. 133.) 
Für die genauere Bestimmung der Ohrleistungen hat man nur solche Unter¬ 
suchungen zu berücksichtigen, wo Lautgruppen, mit Vollstimme ausgesprochen, 
zur Anwendung kamen. Sinnvolle Wörter oder Sätze zu verwenden, ist nicht 
1) Das Mikrophon ist zu verwerfen, da es, wenn überhaupt tauglich, fremde Ge¬ 
räusche mit verstärkt, die die Beobachtung unmöglich machen (Gutzmann (9) S. 121).