Volltext: Handbuch der physiologischen Methodik, Dritter Band, Zweite Hälfte: Zentrales Nervensytem, Psychophysik, Phonetik (3)

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W. Wirth, Psychophysik. 
registrierte Aufhebung des Zustandes nicht von der Kontraktion der Anta¬ 
gonisten unterstützt werden könne. Hierbei wurde der Seitendruck des 
Muskelbauches auf einen in den Mund eingeführten Apparat, eine „Masseter¬ 
zange“, so übertragen, daß man je nach der Einstellung der Kontakte bald 
den Beginn der Kontraktion des Muskels, bald auch den Zeitpunkt der Er¬ 
schlaffung bestimmen konnte (vgl. a. a. O. S. 179f.). Der psychologische 
Vorgang des willkürlichen Aufhörens des Impulses kann freilich auch in 
diesem Falle mit einem neuen, auf die Antagonisten gerichteten Impulse 
Zusammenhängen, wenn auch deren äußerer Effekt für die erste Bewegung 
der Zange nicht in Frage kommt. 
Bei den bisher genannten Bewegungen arbeiten, wie schon gesagt, stets 
mehr oder weniger Muskeln in einer natürlichen Koordination zusammen. 
Eine genaue Analyse aller hierbei beteiligten Muskelpartien würde aber 
an Stelle des einzigen Zeitpunktes des ersten registrierbaren Effektes, der 
von der speziellen Art der Wirkung auf den Reaktionstaster u. ä. abhängt, 
eine zeitlich differenzierte Entwicklung setzen lassen, die auch von sonstigen 
psychologischen Nebenumständen abhängt und somit eine besondere sympto¬ 
matische Bedeutung besitzt. Am deutlichsten, wenn auch zugleich unter 
besonders variablen Ablaufsbedingungen, ist dies bei künstlichen motorischen 
Komplexen zu verfolgen, wobei man möglichst gleichzeitig mit mehreren, 
an sich isoliert beherrschten Bewegungen reagieren läßt. So sind von 
O. Külpe1) und in neuester Zeit von P. Salow2) Versuche angestellt 
worden, bei denen die V.-P. möglichst gleichzeitig mit beiden Händen 
reagieren sollte. Abgesehen von der Feststellung bestimmter Zeitdifferenzen 
zwischen rechts und links ist aber dabei zunächst auch wieder von Interesse, 
wie die mittlere Reaktionszeit im ganzen von dieser Komplikation der 
Leistung modifiziert wird. 
Eine besondere psychologische Bedeutung hat natürlich die sprachliche 
Lautreaktion. Denn sie dient nicht nur zur Messung der Zeit einer Re¬ 
aktion mit einer „nicht adäquaten“ (vgl. a. S. 357, A. 4 a. O. S. 280) Lautäußerung, 
die rein als motorischer Vorgang wie eine Handbewegung einem bestimmten 
Reiz zugeordnet wird, sowie zur Bestimmung der Zeit des „adäquaten“, so 
schnell als möglich dem Reiz nachfolgenden Ablesens oder Nachsprechens, 
sondern gestattet vor allem auch die Zeitverhältnisse aller höheren geistigen 
Prozesse ohne Verabredung neuer Zuordnungen zu den Erlebnissen zu unter¬ 
suchen. Deshalb begegnete uns die Lautreaktion ja auch bereits bei der 
Bestimmung der Reproduktions- und Assoziationszeit innerhalb der Repro¬ 
duktionsmethoden (s. S. 404). Sobald es sich freilich darum handelt, den 
ersten Moment einer beliebigen sprachlichen Reaktion zu erfassen, sind die 
feinsten Registriermethoden der Phonetik gerade ausreichend (Vgl. III. Bd., 
6. Abt.). Der Lippen- und der sogleich zu erwähnende Schallschlüssel ge¬ 
hören jedenfalls nicht zu diesen. Auch Donders bediente sich bei seinen erst¬ 
maligen Versuchen mit Lautreaktionen eines Phonautographen von Scott- 
König oder eines von König für ihn besonders gefertigten ähnlichen 
1) Über die Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitigkeit von Bewegungen, Wundt, 
Phil. Stud. VI, 1891, S.514 u. VII, 1892, S. 147ff. 
2) In Fortsetzung seiner Untersuchungen zur uni- und bilateren Reaktion, Wundt, 
Psychol. Stud. VU, 1. u. 2. H., 1911, S. 1.
	        
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