Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der physiologischen Methodik, Dritter Band, Zweite Hälfte: Zentrales Nervensytem, Psychophysik, Phonetik
Person:
Tigerstedt, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit24817/639/
Die Analyse der Zeitvorstellung. 
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skopischer Reize. Doch wurde z. B. von Vierordt bei der Bestimmung der 
Unterschiedsschwelle eine von zwei Metronomschlägen abgegrenzte Strecke 
taktmäßig siebenmal nacheinander gegeben und mit einer zweiten analogen, 
etwas schnelleren oder langsameren Taktreihe auf ihre Geschwindigkeit hin 
verglichen. Bei den neueren Versuchen mit Vergleichung zweier einzeln 
dargebotener Strecken hat man aber doch wenigstens den Normalreiz immer 
für eine ganze Versuchsgruppe wissentlich konstant erhalten, so daß auch 
hierbei anstatt einer stets voraussetzungslosen Neuauffassung eine Art 
spezieller Einübung1) auf die gegebene Länge stattfinden konnte, die gerade 
für den antizipierenden Vergleichsmodus von besonderer Bedeutung ist. 
Naturgemäß hat die absolute Länge der zu vergleichenden 
Strecken auf die Lebhaftigkeit der Vergegenwärtigung ganzer Strecken 
einen entscheidenden Einfluß. Im allgemeinen können nur bei kurzen 
Zeiten, während deren die die beiden Strecken ausfüllenden Eindrücke auch 
ohne besondere Anstrengungen der Apperzeption noch nicht aas dem 
Bewußtsein verschwunden sind, also bei Strecken von 1—2 Sek., auch die 
Zeitverhältnisse so auffällig werden, daß die subjektive Gleichheit mit den 
charakteristischen Begleiterscheinungen des rhythmischen Bewußtseins 
auftritt, bei dem die von der Antizipation geleiteten, triebartigen Impulse zur 
Auffassung, bzw. aktiven Markierung der Zeitgrenzen jeweils mit besonderer 
Aufdringlichkeit anschwellen. Eine Verschiedenheit aber löst dann alle Neben¬ 
erscheinungen der Störung einer rhythmischen Reihe aus. Doch sei hier aus¬ 
drücklich hervorgehoben, daß es sich hierbei stets nur um den höchsten 
Grad von Wirkungen handelt, die bei einer besonderen Anstrengung 
in Richtung einer analogen aktiven Vereinheitlichung der Teilstrecken auf 
viel weitere Grenzen als die soeben angedeuteten ausgedehnt werden 
können, die noch nicht genügend festgestellt sind. Hierbei kommt es ja 
auch gar nicht darauf an, daß auch die ganze Ausfüllung der Strecke im 
einzelnen so klar und deutlich vergegenwärtigt werden kann, wie es etwa 
für das präzise Vergleichsresultat nach S. 365ff. erforderlich ist. Auch die in 
der Natur der Apperzeption gelegenen Intermissionen einer solchen Kon¬ 
zentration heben den hier gemeinten Endeffekt nicht prinzipiell auf. Ein 
wesentlich anderes Erlebnis liegt erst dann vor, wenn eine Streckenvor¬ 
stellung in den Vergleich eingeht, bei der der Anfang nicht bis zur Wahr¬ 
nehmung des Schlusses in Gedanken festgehalten wurde, sondern erst ad hoc 
mit einem größeren oder kleineren Vorderteil der Strecke wiederauftaucht, wie 
es bei kurzen einige Sekunden übersteigenden Zeiten möglich, bei sehr 
langen aber sogar notwendig ist. Doch haben wir es auch hierbei immer 
noch mit einer Zeitwahrnehmung in dem S. 415 definierten Sinne zu tun. 
Dagegen bedeutet es eine weniger tiefgreifende Modifikation jener optimalen 
Bedingungen, wenn nach einer einheitlichen Auffassung der ersten Ver¬ 
gleichsstrecke zunächst eine längere Pause folgt. Mit der Ausdehnung 
dieser Zwischenzeit zwischen den beiden Vergleichsstrecken gehen solche 
1) Auf die besondere Bedeutung einer allgemeinen Einübung auf Zeitvergleich¬ 
ungen überhaupt (s. S. 415) und einer solchen speziellen Einübung auf bestimmte 
Strecken hat u. a. Thorkelson hingewiesen. (Undersogelse af Tidssansen af S. Thor- 
kelson, 1885. Vgl. Meumanns Beitr. z. Psychol, des Zeitsinns, Wundt, Phil. Stud. 8, 
1893, S. 432.)
        

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