Volltext: Handbuch der physiologischen Methodik, Dritter Band, Zweite Hälfte: Zentrales Nervensytem, Psychophysik, Phonetik (3)

Die Messung von Gedächtnisleistungen an der Menge frei reproduzierter Inhalte. 395 
dächtnisleistung bei unvollständiger Beherrschung der Reihe wählen wollte. 
In diesem Falle brauchte man aber dann die Lesungen, deren Anzahl bei 
der Untersuchung ihres Einflusses von einer Versuchsgruppe zur anderen 
abzustufen ist, vor der Prüfung der Reproduzierbarkeit der Reihe überhaupt 
durch keinerlei ausdrückliche Versuche zum Hersagen unterbrechen zu 
lassen1). Da indessen die V.-P. im allgemeinen doch der Leistung der freien 
Reproduktion (im ganzen oder nach Teilen) zustrebt und deren Prüfung 
voraussieht, so wird freilich auch in diesem Falle beim wiederholten Lesen 
nicht nur das Bewußtsein der Bekanntheit der Glieder wie bei den S. 386 
genannten Versuchen auftreten, sondern es werden sich eigenartige neue 
Kombinationen der passiven Auffassung mit der Selbstbeobachtung, ob man 
sie auch frei hätte reproduzieren können, herausbilden. Die Verteilung 
dieser Prozesse über die ganze Reihe und die Verschiebungen des Schwer¬ 
punktes der geistigen Verarbeitung an die jeweils schwächsten Stellen werden 
sich aber in diesem Falle von der Herausbildung der bloßen Bekanntheit 
in den Versuchen, in denen diese allein erstrebt wird, kaum wesentlich unter¬ 
scheiden. Dies brauchen freilich noch nicht die günstigsten Bedingungen 
für das Auswendiglernen einer Reihe im ganzen oder auch nur für die 
Beherrschung aller Paar-Assoziationen zu sein, sondern diese werden eher 
bei einem zunehmenden Uberschuß der Versuche zur freien Reproduktion 
über die mehr passive Wiederholung des Lernstoffes anzunehmen sein. 
Darauf scheint auch Witasek2) bei seinem speziellen Lernverfahren hinzu¬ 
streben, bei dem die Versuche zur freien Reproduktion von dem einfach 
wiederholten Lesen dadurch durchweg scharf abgetrennt bleiben, daß beim 
Eintritt einer Stockung nicht die Reihe wieder einfach zu Ende gelesen wird, 
sondern immer nur die fehlende Silbe der V.-P. nach einer gewissen Zwischen¬ 
zeit vom Experimentator zugerufen wird, bis die Reihe zu Ende ist, also 
wie bei dem schon früher zur Messung der Gedächtnisleistung benützten 
Verfahren der sog. „Hilfen“ (vgl. § 61, a, 2). Indessen wird ein solches 
Lernen wenigstens dann, wenn einmal noch viele Hilfen nötig sind, nach 
dem soeben Gesagten bezüglich seiner Einprägungswirkung hinter dem 
einfachen Weiterlesen zurückstehen, zumal wenn als Intervall bis zum 
Einspringen der Hilfen 10 Sek. gewählt sind, wie es Witasek tat, um die 
Methode eben zugleich zum Nachweis der bereits vorhandenen Spuren ge¬ 
eignet zu machen. 
Da natürlich die früheren Lesungen und freien Reproduktionen stets 
auch den Effekt jeder späteren Wiederholung mit bestimmen, so würde sich 
schließlich ein eindeutigeres Bild der Einprägung überhaupt niemals anders 
als durch Unterscheidung der verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten 
bezüglich beider Operationen gewinnen lassen, die sich zunehmend vermehren, 
wenn die Reihe unter Variation der Stellungnahme zu ihren einzelnen 
Gliedern und Unterabteilungen einmal, zweimal usw. durchgenommen wird. 
Auch in dieser Hinsicht bietet aber wohl die Paarmethode (s. S. 391) bei 
geeigneter Anwendung, d. h. vor allem nach Beseitigung der Vieldeutig- 
1) Vgl. hierzu z. B. Nr. 3 der Instruktion bei Witasek, Über Lesen und Rezitieren 
in ihren Beziehungen zum Gedächtnis, Zeitschr. f. Psych, u. Ph. d. S. Bd. 44, 1. Abt. 
1907, S. 161 (S. 166). 
2) Ygl. ebenda.
	        
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