Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der physiologischen Methodik, Dritter Band, Zweite Hälfte: Zentrales Nervensytem, Psychophysik, Phonetik
Person:
Tigerstedt, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit24817/218/
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W. Wirt h, Psychophysik. 
Sinneswahrnehmungen augenblicklich wirksamer äußerer Reize wegen ihrer 
repräsentativen Funktion oft besonders schwer aus ihren gedanklichen Ver¬ 
bindungen mit den Begriffen der Außenobjekte gelöst werden zu können, 
so daß sie für die Reflexion gewissermaßen aus dem unmittelbar erlebten 
Bestände herauszufallen drohen. Dagegen bilden die reproduktiven Vor¬ 
stellungen selbständiger Erinnerungen und vor allem intensivere Gefühle 
und Willensvorgänge schon ein viel weniger verkennbares Zentrum eines 
besonderen Etwas, auf das man nur zu achten braucht, um die mit ihnen 
gleichzeitigen Inhalte aus ihren sonstigen gedanklichen Verbindungen heraus¬ 
zulösen. Durch diesen Rekurs auf den Inbegriff aller gleichzeitig unmittelbar 
erlebten Inhalte, die das Erfassen des einheitlichen Ganzen durch ihre ge¬ 
meinsame Zugehörigkeit zu ihm gewissermaßen von allen möglichen Seiten 
her unterstützen, hat Herb art den fundamentalen Begriff des Bewußtseins 
zum erstenmal klar fixiert1). Dagegen sollte man mit den Begriffen des 
„Ich“ oder „Selbst“, ja sogar der „Subjektivität“ zum Zwecke einer kon¬ 
kreten Vergegenwärtigung des Gegenstandes der Psychologie wenigstens 
nicht gerade den Anfang machen, da sie vieldeutig sind und nicht nur für 
das unmittelbar erlebte Ich des bewußten Vorstellungs- Wertungs-, und 
Willenslebens, sondern auch für die unmittelbare dispositioneile Grundlage 
des Bewußtseins, ja sogar für die Lebenseinheit des psychophysischen Orga¬ 
nismus im ganzen angewandt werden. 
2. Das Grundphänomen aller Bewußtseinsvorgänge. 
Die Vertrautheit mit diesem Bewußtseinsbegriff ist aber methodisch nicht 
nur deshalb von grundlegender Bedeutung, weil er die neuen, spezifisch 
psychologischen Fragestellungen überhaupt erst gewinnen läßt, sondern weil 
auch innerhalb des psychologischen Gebietes selbst der methodische Zu¬ 
sammenhang der Probleme erst durch den steten Hinblick auf den je¬ 
weiligen Gesamtbestand der Inhalte klar wird, als dessen Komponenten sich 
die sog. „Elemente“, „Seiten“ und „Akte“ des Bewußtseins realisieren. Zwar 
herrscht ja hinsichtlich der Qualitäten und ihrer wechselseitigen Beziehungen, 
z. B. der Raumvorstellung, eine weitgehende Unabhängigkeit zwischen den 
einzelnen Komponenten, ohne die natürlich ein hinreichend korrektes Welt¬ 
bild und eine objektive Wertung und zweckmäßige Willensreaktion über¬ 
haupt ausgeschlossen wären. Ist aber schon in dieser Hinsicht die Unab¬ 
hängigkeit schließlich doch immer nur eine relative, so setzt der konkrete 
Vollzug aller psychischen Leistungen für die beteiligten Inhalte einen be¬ 
stimmten Grad der sog. Lebhaftigkeit und Frische voraus. Bei den 
sinnlichen Wahrnehmungen und den reproduktiven Vorstellungen wird diese 
Eigenschaft auch mit ihrem Korrelate, der sog. „Klarheit und Deutlichkeit“ 
der lebhaften Inhaltskomplexe, begrifflich zusammengefaßt. Insofern aber 
ihre Herabminderung einen Inhalt stetig an die Grenze seiner Zugehörigkeit 
zu einem gegebenen Bestände überhaupt heranführt, kann sie geradezu als 
Bewußtseinsgrad“ bezeichnet werden. Hinsichtlich dieses Merkmales, 
von dem die gesamte psychische Wirkungsfähigkeit eines Inhaltes abhängt, 
1) Psychologie als Wissenschaft I, 1824, $48.
        

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