Bauhaus-Universität Weimar

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zugung im Rahmen der Beratung selbst. Er kann nicht erwarten, daß man 
mehr in ihm sieht, als auch einen der Mitarbeiter am Ganzen, wie es Arzt, 
Psychologe oder Volkswirt ebenfalls sind. Irgendein Dominieren, wie es 
so oft von kleineren Pädagogenköpfen geträumt wird, oder die Erwartung, daß 
die Frucht jahrelanger Schulerziehung die Bestimmung über das Produkt und 
seine Lebensbahn sein dürfe: diese Anmaßung gehört in jenes Gebiet, wo die 
Liebe zum Erzieher nicht mehr von Fremdem geteilt werden kann, da sie ge¬ 
meinschädlich würde. . Nur aus der Zusammenarbeit des Mediziners, des 
Nationalökonomen, Ingenieurs, Lehrers und Fachpsychologen kann ich mir 
eine großzügige Förderung der Psychotechnik allein denken. 
Indessen möchte man auch innerlich genau die Grenzen festlegen, die 
für die Psychotechnik auf berufsdiagnostis.chem Gebiete liegen müssen. Diese 
Grenzen sind außerordentlich wichtig und werden gern verhüllt. Was nützt 
indessen psychotechnische Arbeit, die sich hierum nicht kümmert? Sie ist 
so unnütz, wie etwa jene Reklameartikel über Psychologie im Fliegerdienst; 
wenn man die schönen Apparate dann irgendwo im verstaubten Winkel 
eines Laboratoriums wiederfand, nur deshalb, weil das wirtschaftliche Elend 
unser Flugwesen zerstörte, nicht weil die Psychologie versagte. 
Die Grenzen lagen zunächst auf dem Gebiete des Soziologischen und 
des Milieus. Man soll nicht glauben, daß diese Milieus, daß die Familien¬ 
einflüsse zu unterschätzen seien. Gerade bei Untersuchung von Hilfsschul- 
kindern ist mir oft aufgefallen, wie erheblich hier die emotionalen Störungen, 
das willensgemäße Abirren zu beachten sind, und wie jedes Experiment nicht 
nur machtlos diesen Tatsachen gegenübersteht, als auch lächerlich wirkt, 
wenn es irgendwelche Begabungen — man denke an das Unikum der Berliner 
„Hochbegabtenschulen" — festlegt, und lautlos diese Begabung im Gewirr 
des familiären Milieus verschwinden gewahrt, wie es tatsächlich schon vor¬ 
gekommen ist. Der nüchterne Blick für die nackten Tatsachen darf nieman¬ 
dem abhandenkommen. Und so gewiß die Psychotechnik mannigfachste Auf¬ 
gaben und vielfachste Erfolge auf dem Gebiete der Diagnose von Anlagen 
hat, soviel Hemmungen erwachsen ihr auch aus den Imponderabilien der 
Umwelt der Klienten. 
Wer mit betrunkenen Familienangehörigen, geisteskranken Kindern, 
moralisch verkommenen Gatten, lungenkranken Geschwistern behaftet ist, 
wird seelisch dadurch in so bestimmter Weise influenziert, daß die Eignungs¬ 
prüfung nur in engstem Rahmen möglich ist, und daß Allgemeindiagnose ins¬ 
besondere nicht mehr erwarten darf, als ein vorsichtiges Abtasten dieser so 
ganz ausnehmend beeindruckten Psyche, die immer und stets unter jenen 
Einflüssen leiden wird und sich positiv oder negativ zu ihnen verhält. Alles 
Kollektivpsychologische rechnet auch hierher, und nicht jenes, was experi¬ 
mentell erschließbar ward, sondern gerade wieder die gemütvollen, die 
ethisch gegebenen, die zielstrebigen und willensbetonten Seiten: also Momente, 
die in der Wirklichkeit sehr stark wirken. 
Gleiche Nüchternheit des Wirklichkeitsblicks aber für die zweite Be¬ 
grenzung psychotechnischer Diagnostik bei Erwachsenen (dasselbe natürlich, 
zum Teil noch verstärkt bei Jugendlichen und Kindern!): Es ist dies der
        

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