Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Mechanisch-physiologische Theorie der Abstammungslehre
Person:
Naegeli, Carl Wilhelm von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit19841/473/
IX Mt>':>hologie und Systematik als phylorrmattoche WiHHemtchaften. 461 
die verschiedenen Kategorien der organischen Bihlungen aufzu¬ 
fassen sind. 
Ls ist früher und auch in neuerer Zeit versucht worden, orga¬ 
nische Bildungen nach irgend welchem Axiom zu construiren. Das 
Axiom wurde ohne Begründung hingestellt, auf die Ursachen nicht 
eingetreten, die Hypothese auch den widerstrebenden Thatsachen 
aufgezwungen oder letztere ignorirt. Ein solches Verfahren ist ein 
Nachklang aus der naturphilosophischen Epoche, wenn auch der 
Flug minder kühn geworden ist. Wir verlangen aber jetzt einer¬ 
seits ein streng objectives Verfahren mit genauer Beobachtung des 
Thatsächliclien und andrerseits streng logische Folgerungen aus 
sicheren Thatsachen oder Gesetzen. Soweit die sinnliche Wahr¬ 
nehmung reicht, darf kein beobachtetes Factum der aufgestellten 
Thoorie widersprechen, oder es müssen für die Ausnahmen |die Ur¬ 
sachen nachgewiesen werden. Verhältnisse, welche jenseits der sinn¬ 
lichen Wahrnehmung liegen, dürfen nur auf Grund ganz sicherer 
physikalischer und chemischer Thatsachen mit Hülfe eines exacten 
mechanischen Verfahrens ‘beurtheilt und entschieden werden. 
Dies sind ja die Grundsätze, die allgemein gültig für die mo¬ 
derne Wissenschaft sind, wodurch sie sich als exacte Methode von 
dem früheren Meinungsverfahren unterscheidet. Ist aber die zu 
beurtheilende Bildung organischer Natur, so muss nach den vor¬ 
ausgehenden Erörterungen zuerst entschieden wrerden, ob sie dem 
erblichen Gebiet angehöre oder nicht, und ob sie demnach nach 
«1er phylogenetischen oder nach der experimentellen Methode zu 
entscheiden sei. 
Ich hebe noch einmal ausdrücklich hervor, dass nach meiner 
Ansicht die Bedeutung einer jeden vererbten, physiologischen oder 
morphologischen Erscheinung im Baupläne des ganzen Pflanzen¬ 
reiches nur auf dem phylogenetischen Wege erforscht werden kann, 
und ich wiederhole dies, um bei der Besprechung der andern Auf¬ 
gabe, nämlich der systematischen Bedeutung der einzelnen Pflanzen¬ 
sippen, nicht missverstanden zu werden. So leicht verhältnissmässig 
der phylogenetische Nachweis bezüglich der einzelnen Theilerschei- 
nungen einer Ontogenie gelingt, so schwer oder unausführbar ist 
meistens der phylogenetische Nachweis für die ganze Ontogenie, und 
also auch für die Sippe. Man schlägt gewöhnlich das umgekehrte 
\ erfahren von demjenigen ein, das man nach meiner Ansicht an wenden
        

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