Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Mechanisch-physiologische Theorie der Abstammungslehre
Person:
Naegeli, Carl Wilhelm von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit19841/184/
172 QI. Ursachen der Verftnderucg. 
sich nur darum, wie wir uns die Wirkung der äusseren Einfln^ 
in einem solchen Fall zu denken haben. 
Es treffe ein dauernder Reiz irgend einen Theil des Organismus; 
die Veränderung, die er während der ganzen Lebensdauer eines In¬ 
dividuums hervorzubringen vermag, ist im Vergleich mit der Eigen¬ 
schaft, die er schliesslich bewirkt, äusserst gering, denn es bedarf, 
wie alle Erfahrung zeigt, zur Abänderung einer Varietät im natür¬ 
lichen Zustande langer Zeiträume und zahlreicher aufeinanderfol¬ 
gender Individuen. Die neue Eigenschaft kann nun in dem frag¬ 
lichen Falle am entwickelten Individuum nicht allmählich, sondern 
nur auf einmal auftreten, weil sie mit der Eigenschaft, die sie er¬ 
setzen soll, unverträglich ist. Der Reiz, der auf die bestimmte Ein¬ 
richtung des Organismus trifft, kann also nur auf die dieser be¬ 
stimmten Einrichtung entsprechende Idioplasmagruppe einwirken. 
Er ändert dieselbe in der ersten Generation nur sehr wenig um. 
Das Idioplasma wird auf die folgende Generation vererbt und hier 
geht die Veränderung stufenweise weiter. ~ 
So bildet sich unter dem Einfluss des bestimmten Reizes vielleicht 
durch tausend und mehr Generationen eine Anlage aus, die, wenn 
sie fertig ist, zur sichtbaren Eigenschaft sich entfaltet und die bis¬ 
herige Eigenschaft, die nun latent wird, verdrängt. Für die Theorie 
des Reizes ist es natürlich gleichgültig, ob derselbe das entwickelte 
' 0r«an das Idioplasma verändere, da ja «las Idioplasma durch 
: den gullzou Körper verbreitet und in jedem Theil vorhanden ist, 
’ *dso von dem Reiz unstreitig affleirt wird. 
Um den VorgangXutlicher zu machen, will ich zwei Beispiele 
anführen, die ich weniger deswegen, weil sie in aller Strenge hieher 
gehören, als wegen der allgemeinen Verständlichkeit auswähle. Ich 
habe bereits von den Farben der Blüthen gesprochen als von einer 
Erscheinung, deren Ursache noch unbekannt ist; sehr wahrschein¬ 
lich aber verdanken sie ihre Entstehung äusseren Einflüssen. Das 
Nämliche gilt auch von der Füllung der Blüthon. Nun geschieht 
cs, dass in einer roth oder blau blüheMen Sippe plötzlich einzelne 
Individuen mit weissen Biüthen auftreten, ebenso dass unter Pflanzen 
mit normalen Biüthen plötzlich eine solche mit gefüllten Blüthen 
zum Vorschein kommt. Beide Veränderungen werden nicht bloss 
in der Cultur, sondern auch auf natürlichen Standorten beobachtet. 
Beide sind erblich und somit auch im Idioplasma enthalten.
        

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