Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Erster Theil: Physiologie des Gesichtssinns, Dritter Theil: Chemische Vorgänge in der Netzhaut
Person:
Kühne, W.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit19186/1/
DRITTER THEIL. 
CHEMISCHE VORGÄNGE IN DER NETZHAUT 
VON 
Prof. Dr. W. KÜHNE in Heidelberg. 
So lange man die Netzhaut kennt, weiss man wie ausserordent¬ 
lich veränderlich sie ist: im Leben als höchst durchsichtiger Ueber- 
zug dem Augengrunde glatt und spiegelnd angeschmiegt, wird sie 
im Tode schnell weisslich trübe, hebt sich faltig ab und zeigt ihre 
Elemente im Zerfalle begriffen. Die Untersuchung frischer unverän¬ 
derter Thieraugen hat darum gewöhnlich mehr zur Erkenntniss der 
Netzhaut beigetragen als die der selten brauchbaren vom Menschen, 
und erst als man wusste, worauf bei letzteren besonders zu achten und 
welche Eigenthümlichkeiten an der menschlichen Netzhaut voraus¬ 
zusetzen seien, ist das in wenigen Ausnahmsfällen zugängliche, kost¬ 
bare Material lebensfrischer, menschlicher Augen mit Vortheil ver¬ 
wendet worden. Da die Physiologie der Sinne sich aus guten Grün¬ 
den mit Vorliebe an die menschlichen Sinnesorgane, deren Leistungen 
uns allein vollkommen bekannt werden können, wendet, ist unser 
lückenhaftes Wissen vom Baue und von der Zusammensetzung der 
menschlichen Netzhaut ausdrücklich hervorzuheben. 
Die ersten cadaverösen Veränderungen der Retina bestehen 
in Trübungen der vorderen, aus marklosen Nerven und Ganglienzel¬ 
len bestehenden Schichten, weniger der äusseren Körnerschicht, fer¬ 
ner in dem von Max Schultze besonders genau verfolgten Zerfalle 
der Stäbchen- und Zapfenaussenglieder zu Säulen dünner Plättchen, 
welches auch die Durchsichtigkeit dieser hinteren Schicht vermin¬ 
dert. Postmortale Lockerung der Stäbchenschicht vom retinalen Epi¬ 
thel findet nicht statt, sondern umgekehrt, trotz der Faltenbildung, 
eine festere Verbindung ; ist die letztere im Momente des Todes schon 
vorhanden, so wird sie erst spät durch echte Fäulniss und Zerfliessen 
der betheiligten Gewebe gehoben. Das Auftreten eines Atlasglanzes
        

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