Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Erster Theil: Physiologie des Gesichtssinns, Vierter Theil: Der Raumsinn und die Bewegungen des Auges
Person:
Hering, Ewald
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit19184/3/
Einleitung. 
345 
Der Stoff, aus welchem die Sehdinge bestehen, sind die Gesichts¬ 
empfindungen. Die untergehende Sonne ist als Sehding eine flache 
kreisförmige Scheibe, welche aus Gelbroth, also aus einer Gesichts¬ 
empfindung besteht. Wir können sie daher geradezu als eine kreisför¬ 
mige, gelbroth e Empfindung bezeichnen. Diese Empfindung haben 
wir da, wo uns eben die Sonne erscheint. 
Dies ist der einfachste Ausdruck für das Thatsächliche. Man 
hat sich aber gewöhnt zu sagen, man habe die Empfindung eigent¬ 
lich im Auge oder im Kopfe, und versetze sie nur in den Aussenraum. 
Die so in den Aussenraum versetzte Empfindung nennt man demnach 
auch wohl Vorstellung. Da aber Niemand die Sonne in seinem Auge 
oder in seinem Kopfe sieht, und wir überhaupt selbst bei geschlos¬ 
senen Augen jede Gesichtsempfindung vor den Augen und vor dem 
Kopfe und niemals in denselben haben, so ist offenbar, dass die 
letzterwähnte Auffassung und Bezeichnungsweise sich nicht blos an 
das Thatsächliche hält, sondern der Ausfluss weiterer Speculation 
ist, die wir bei aller Achtung vor derselben zunächst bei Seite zu 
lassen haben. Dies gilt noch mehr von einer zweiten Auffassung, 
nach welcher die Empfindung eigentlich formlos ist und erst von 
uns, z. B. mittels unbewusster Schlüsse, zu räumlichen Vorstellungen 
verarbeitet wird. Diese sogenannte „reine“ Empfindung wäre hiernach 
nur ein form- und raumloses Etwas, auf dessen Grundlage erst die 
Vorstellung als Anschauung sich bildet. 
Da wir aber Gesichtsempfindungen, die weder Form noch Ort 
noch Ausdehnung, also überhaupt keinerlei räumliche Eigenschaft 
hätten, gar nicht kennen, solche Empfindungen also für uns ebenfalls 
nur ein Ergebniss der Speculation sind, so müssen wir auch diese 
Ansicht so lange unberücksichtigt lassen, als es sich nur um die 
Schilderung der Thatsachen handelt. Weiss, Schwarz, Blau u. s. w. 
nennen wir Empfindungen, diese Empfindungen haben immer räum¬ 
liche Eigenschaften, eine mehr oder minder bestimmte Form oder 
zum Mindesten eine Ausdehnung, auch haben sie immer irgend wel¬ 
chen Ort und zwar diesen stets ausserhalb unserer Augen. Wenn 
nun eine weisse Empfindung von quadratischer Form vor uns ist, so 
sagen wir, dass wir ein weisses Quadrat sehen. Umgekehrt können 
wir also auch sagen, dass dieses weisse Quadrat, so wie wir es sehen, 
d. h. als Sehding, eine weisse quadratisch geformte Empfindung ist, 
die vpr uns im Sehraum liegt. Es bleibt Jedem unbenommen, sich 
dies in die Sprache seiner theoretischen Ansichten über die Natur, 
Entstehung und Entwicklung der räumlichen Gesichtswahnlehmung 
zu übersetzen.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.