Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Erster Theil: Physiologie des Gesichtssinns, Vierter Theil: Der Raumsinn und die Bewegungen des Auges
Person:
Hering, Ewald
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit19184/144/
486 Hering, Physiol. Optik IY. 10. Cap. Die Bewegungen des Augapfels. 
kreuzenden Wandlinien doch rechtwinklig sehen, indem wir das ver¬ 
zerrte Netzhautbild auf ein zur Blickrichtung nicht rechtwinklig ge¬ 
legenes, sondern der Frontalebene paralleles Sehfeld beziehen, und 
da wir also die vier Winkel vah (Fig. 46 M) 
sämmtlich als rechte sehen, so müssen wir 
nun umgekehrt die auf der Netzhaut rechten 
Winkel des Nachbildes schief sehen, und das 
Nachbild erscheint uns demnach wie in Fig. 
46 B. Lediglich also die Art, wie wir das 
Netzhautbild in diesen Fällen auslegen, ins¬ 
besondere der Umstand, dass wir trotz dem 
schiefwinkligen Netzhautbilde der verticalen 
und horizontalen Wandlinien dieselben doch 
nach wie vor vertical und horizontal sehen, 
ist die Ursache der besprochenen Verzerrung 
des Nachbildes. 
Gesetzt nun, wir hätten durch den pri¬ 
mären Punkt p auf der Wand nur einen 
verticalen farbigen Streifen gelegt, uns ein 
Nachbild desselben erzeugt und dann den 
Blick entlang der schrägen Linie p b bis zum 
Punkte b (Fig. 45) geführt, so würde das Nach¬ 
bild während dieser Bewegung scheinbar seine Lage geändert und sich 
mit dem oberen Ende nach rechts gedreht haben. Diess könnte, wie in 
der That vielfach geschehen ist, zu dem Irrthume verleiten, das Auge 
habe während dieser Bewegung eine Rollung um die Gesichtslinie 
erlitten, während doch die Ursache der scheinbaren Drehung des 
Nachbildes lediglich darin liegt, dass die verticalen Linien der Wand 
sich nicht mehr auf dem in der Primärstellung verticalen Meridiane 
oder ihm parallel abbilden, sondern ihre Bilder auf der Netzhaut 
sich während der Bewegung in Folge abgeänderter Projectionsver- 
kältnisse auf der Netzhaut verdrehen. Hätte während der primären 
Fixirung des Punktes p der farbige Streifen horizontal gelegen, und 
würde dann die Gesichtslinie geradenwegs von p nach b übergeführt, 
so würde das Nachbild des Streifens bei dieser Bewegung ebenfalls 
eine scheinbare Drehung erleiden, aber entgegengesetzt als vorhin 
das Nachbild des verticalen Streifens, nämlich so, dass das linke 
Ende des Nachbildes sich nach unten neigt. Diese Abhängigkeit der 
Richtung der scheinbaren Drehung des Nachbildes von seiner An¬ 
fangslage beweist schon, dass nicht eine Rollung des Auges um die 
Gesichtslinie die Ursache der Erscheinung sein kann. Hätte der
        

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