Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Diagnostik der Geisteskrankheiten für praktische Ärzte und Studierende
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18866/59/
Untersuchung des körperlichen Zustandes. 
dass die Eintrittsstellen der Rückenmarksnerven durch das Vorhandensein 
benachbarter Theile, welche relativ häufig von organischen Krankheiten 
befallen werden, wie dies besonders bei Wirbelcaries der Fall ist, verhältnis¬ 
mässig sehr der Gefahr von Störungen ausgesetzt sind. Infolge von Druck 
auf diese Partieen, z.B. durch Tumor, kann im Hinblick auf starke Schmerzen 
mit Fehlen eines Rückenmarkreflexes ein vollständig tabisches Bild vor- 
ge-täuscht werden. 
Die für die psychiatrische Diagnostik wichtigste Störung des Reflex- 
bogens kommt durch tabische Degeneration der Hinterstränge zu¬ 
stande. Auf eine solche darf aus dem Fehlen des Kniephänomens nur 
dann geschlossen werden, wenn eine Erkrankung der peripherischen Nerven 
besonders infolge von Intoxicationen, Neuritis oder Tumoren z.B. der 
Wirbelsäule ausgeschlossen werden kann. Dabei muss im Auge behalten 
werden, dass die tabische Degeneration der Hinterstränge in verschiedenen 
Höhen des Rückenmarkes verschieden stark sein oder theilweise ganz 
fehlen kann. Das Fehlen des Kniephänomens deutet also, wenn nach Aus¬ 
schluss peripherischer Störungen überhaupt auf den Sitz der Störung im 
Rückenmark geschlossen wird, ausschliesslich auf Degeneration in der Höhe 
des Lendenmarkes. Umgekehrt kann hei normaler Beschaffenheit des Knie¬ 
phänomens und Unversehrtheit des Lendenmarkes doch in anderen Ab¬ 
schnitten des Rückenmarkes tabische Degeneration der Hinterstränge vor¬ 
handen sein. Jedenfalls muss man in allen Fällen die anatomische Lage 
des Reflexbogens genau beachten und darf nur dann aus dem 
Fehlen des Kniephänomens auf Erkrankung der Hinterstränge 
schliessen, wenn peripherische Ursachen an den zuleitenden 
Nerven und Störungen im absteigenden Ast von den motorischen 
/eilen in den Vorderhörnern des Rückenmarkes an ausge¬ 
schlossen werden können. 
Ganz ähnlich liegt es mit der Verwert hung der Pupillenstarre für 
die Diagnose tabisch-paralytischer Krankheiten. Nur wenn nicht-tabische 
Störungen des sensiblen Endapparates und der centralwärts leitenden 
Nerven, z. B. Tumor an der Schädelbasis, aus der Diagnose ausgeschaltet 
werden können und es sich um isolirten Verlust der reflectorischen 
Bewegung bei Vorhandensein der accommodativen Mitbewegung 
der Iris handelt, kann das Vorhandensein von Pupillenstarre für die 
Diagnose einer progressiven Paralyse den Ausschlag geben. Dabei bleibt 
vorläufig unerörtert, ob die Leitungsunterbrechung zwischen dem Opticus 
und dem Oculomotoriuskern, die als Grundlage der tabischen Pupillen¬ 
starre gefordert wird, wirklich auf der Zerstörung eines anatomischen 
Bindegliedes beruht oder vielleicht als functionelles Hemmungsphänomen 
zu erklären ist. wofür manche Beobachtungen sprechen. — Es sind nun 
3. die Störungen der Reflexe zu erörtern, die auf einer Erkrankung 
der centrifugalen Leitung (M.N.) von den motorischen Zellen (M. Z.) der 
Vorderhörner, bzw. des verlängerten Markes bis zu der Musculatur (M. E.) 
beruhen. Zunächst ist bei jeder Reflexuntersuchung zu überlegen, wie die 
motorischen Nerven verlaufen und von welchen Zellgruppen im Rücken¬ 
mark oder der Medulla oblongata sie abhängen. Bei dem Pupillenreflex 
kommt das Zweigehen des Oculomotorius in Betracht, welches den Ring¬ 
muskel der Iris versorgt , bei dem Kniesehnenreflex ein Theil des Nervus 
femoralis, der mit drei Wurzeln aus dem IL IV. Lumbalnerven entspringt
        

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