Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Diagnostik der Geisteskrankheiten für praktische Ärzte und Studierende
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18866/38/
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Untersuchung des körperlichen Zustandes. 
auffallen, indem die dem Herd entgegengesetzte Schädelhälfte entsprechend 
der Beschaffenheit der Extremitäten schwächer entwickelt ist. 
Auch in Bezug auf die Abnormitäten, die verschiedene Systeme des 
Körpers betreffen, gilt der gleiche Gesichtspunkt: Es muss versucht werden, 
ob sich die einzelnen Erscheinungen gruppenweise zusammenfassen 
und unter einen Krankheitsbegriff bringen lassen. Das einfachste Bei¬ 
spiel bilden die Abnormitäten bei Cretinismus. Hier sind das Knochen¬ 
system infolge von Stillstand der Entwicklung und das Hautsystem in 
Gestalt von Myxödem gleichzeitig gestört und bedingen bei ihrem Zu¬ 
sammentreffen die eigenartige Erscheinung der Cretinen, die besonders 
am Gesicht deutlich wird. Diese Abnormitäten treten als gleichzeitige und 
gleichwerthige Krankheitssymptome auf und bilden den wesentlichen Kei n 
des Krankheitsbildes, während eine Beihe anderer Abnormitäten, z. B. 
Stellung des Brustbeines, Skoliose u. a., nur unwesentliche oder zufällige 
Nebenerscheinungen sind. 
Ich stelle also als Leitmotiv für Betrachtung und Analyse der mor¬ 
phologisch en Abnormitäten auf, die gesetzmässige Zusammengehörig¬ 
keit getrennter Erscheinungen zu finden und dieselbe aus der 
Genese, bzw. Pathogenese der Formen zu erklären. 
Nach Ausscheidung derjenigen.Gruppen, bei denen sich bestimmte 
Krankheitsprocesse, z. B. Hydrocephalic, aus «1er Wirkung am Schädel 
erschlossen lassen, bleiben noch eine grosse Menge von Abnormitäten, die 
ohne besondere genetische Erklärung einfach als ..Degenerationszeichen - 
aufgefasst und bezeichnet werden. 
Auch für diese ist die Forderung zu erheben, dass das Verhältnis 
der einzenen Abnormitäten zu einander und zu der Gehirnent¬ 
wickelung festgestellt werden soll. 
Dabei müssen wir eine kurze principielle Erörterung anstellen. Jede 
Form als Gestalt ausgedehnter Materie ist im letzten Grunde das 
Resultat von Bewegungen. Diese bestehen bei den Knochen, welche die 
morphologische Erscheinung wesentlich bedingen, einerseits in den Wachs- 
thumsvorgängen, andererseits in der Einwirkung von mechanischen 
Kräften, die den wachsenden oder fertigen Knochen von aussen beein¬ 
flussen, mag dies nun durch die Schwerkraft, Last und Druck oder durch 
Muskelzug erfolgen. Die Kernfrage bei der physiologischen Betrachtung 
der sogenannten Degenerationszeichen lautet, ob und welche von diesen 
Bewegungsvorgängen vom Gehirn abhängen, so dass die Form 
des Schädels und seiner einzelnen Theile als Symptom eines 
gleichzeitigen oder in früherer Entwicklungsperiode vor¬ 
handenen Gehirnzustandes auf gefasst werden kann. 
Es giebt nun drei Arten. wie das Gehirn den wachsenden Schädel 
beeinflussen kann: 
1. durch Druck von innen, wie das an den hydrocephalischen Kopf¬ 
formen in grober Weise hervortritt ; 
2. durch Muskelzug, bedingt durch Muskelspannungen z. B. des 
Sternocleidomastoïdes oder des Temporalis, deren Innervation von be¬ 
stimmten Gehirntheilen abhängt, welche räumlich mit den vom Muskelzug 
getroffenen Schädelpartien nichts zu thun haben. 
3. Durch nervösen Einfluss auf die Wachsthumsverhältnisse 
des Schädels.
        

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