Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Diagnostik der Geisteskrankheiten für praktische Ärzte und Studierende
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18866/301/
Die psychogenen Zustände. 
293 
Ich theile nun zunächst mit Bezug auf die erste Kategorie einen 
Krankheitsfall mit, welcher ohne Zweifel als genuine Epilepsie aufzufassen 
ist, bei dem aber die einzelnen Anfälle Formen angenommen haben, welche 
eine Verwechselung mit Hysterie möglich erscheinen lassen. Es handelt 
sich um diejenige Form epileptischer Anfälle, bei welcher nicht nur das 
Bewusstsein bis zu einem gewissen Grade erhalten bleibt, sondern auch 
die Krampferscheinungen durchaus nicht allgemein, sondern partiell sind, 
so dass die psychogene Natur der Krämpfe symptomatisch wahrscheinlich 
werden könnte. 
G. I). aus S., Candidat der Theologie, aufgenommen am 27. Mai 1891, im 
Alter von 23 Jahren. Ein Onkel mütterlicherseits epileptisch, ein Kind eines 
anderen Bruders der Mutter ebenfalls epileptisch. Eine Cousine der Mutter 
epileptisch. 
Im 13. Jahre öfters Zucken in der rechten Hand, besonders beim Halten 
von Büchern. Dann kamen nachts Anfälle von Krämpfen, von denen 
das Kind am nächsten Morgen nichts wusste. Bei den Krämpfen liess er 
meist das Wasser unter sich, schlug mit der rechten Hand und dem rechten Bein. 
Die linke Seite soll ganz frei geblieben sein. Nach einem halben Jahre traten 
auch tags Anfälle auf. Vorher hatte er eigenthümliche Empfindungen in den 
Gliedern (Aura), hinterher wusste er nichts vom Anfalle (Amnesie). Die linke 
Seite blieb im Anfalle ganz frei. Im 14. Jahre hörte die Krankheit nach einem 
starken Blutverluste ganz auf. Erst im Sommer 1889 traten nachts wieder leichte 
Krampfanfälle, und zwar in der rechten Hand, verbunden mit tiefen krampfhaften 
Inspirationen auf. — Im Jahre 1891 begann Patient während seiner nächtlichen 
Anfälle laut zu rufen. Diese Anfälle wiederholten sich 4—5 mal in der Woche, 
je einmal in der Nacht. Danach bestand ein anderer Typus der Anfälle. Durch¬ 
schnittlich alle acht Tage einmal wurde Patient des Tags nach den krampfartigen 
Zuckungen im Arme unter krampfhaften Inspirationen am ganzen Körper steif. 
Während des Eintritts der allgemeinen Steifheit wurde er bewusstlos. Dieser Zu¬ 
stand dauerte dann meist 1 bis 1 '/„ Stunden, während deren sehr angestrengtes 
Atlnnen bestand; er ging allmählich in ruhigen Schlaf über. 
Während der nächsten Wochen vermehrten sich die nächtlichen Anfälle auf 
11—12 in jeder Nacht. Mitte Mai trat zum erstenmale ein Anfall während des 
Wachens am Tage auf. Seitdem steigerten sich die Anfälle bis zu 10 am Tage 
und 20 in der Nacht. Den Krampfanfällen während des Tages gehen ziehende 
Schmerzen in den fünf Fingern der rechten Hand, ausgenommen im Daumen, 
voraus. Dem folgen starke schleudernde Bewegungen des rechten Armes, während 
er gleichzeitig starke Schmerzen fühlt. Er giebt an, dass er während dieses An¬ 
falles kein Bewusstsein von der Lage seines rechten Armes im Raume hat. Sinnes¬ 
reize. z. B. Tasteindrücke, werden während des Anfalles geringer. Das Bewusst¬ 
sein ist also nicht ganz entschwunden. Oefter hat er während dieser Anfälle 
eigenthümliche Vorstellungen, z. B. von Zahlen, die er an seiner rechten Seite in 
der Luft schwebend zu sehen meint. Sehr oft haben dieselben Beziehungen zu 
etwas vor dem Anfalle von ihm zufällig Gedachten. 
Es ist ihm manchmal möglich, den Eintritt der Anfälle dadurch hinaus¬ 
zuschieben, dass er mit der rechten Hand willkürliche Bewegungen macht, sobald 
die oben erwähnten ziehenden Schmerzen eintreten. 
Im Alkoholgenuss will er immer mässig gewesen sein und durchschnittlich 
nicht mehr als drei halbe Liter Bier am Tage getrunken haben. 
Es wurden in der Anstalt eine ganze Reihe solcher Anfälle von Halb¬ 
bewusstlosigkeit mit partiellen Muskelkrämpfon beobachtet, welche mit photo¬ 
graphischer Genauigkeit immer dasselbe Bild boten. Mitten während des Ge¬ 
spräches wurde D. plötzlich geistesabwesend, stiess einen Schrei aus, das Gesicht 
wurde krampfhaft nach rechts verzogen, der rechte Arm hob sich, der Kopf
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.