Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Diagnostik der Geisteskrankheiten für praktische Ärzte und Studierende
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18866/299/
Die psychogenen Zustände. 
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den Ausschlag für die Auffassung jener als psychogener Erkrankungen 
geben. Besonders trifft dies für die Depressionszustände zu, welche sich 
öfter auf psychogener Basis entwickeln. 
Allerdings muss hierbei die Differentialdiagnose zwischen Epi¬ 
lepsie und Hysterie im Auge behalten werden, da auch bei Epilepsie 
wenigstens motorische Reizerscheinungen (Steigerung der Kniephänomene, 
Fussdonus, Tremor der Hände, Zuckungen u. s. f.) oft Vorkommen, während 
andererseits sensible Ausfallserscheinungen dabei sehr selten sind. 
Vor allem ist eine scharfe Trennung in Bezug auf das Verhältnis 
der Epilepsie und Hysterie nothwendig, wenn diese beiden Krankheiten 
auch klinisch eine Menge von ähnlichen Symptomen haben können. Nach 
unserer Auffassung sind Epilepsie und Hysterie trotz dieser Berührungs¬ 
punkte im Grunde völlig verschieden. Die Epilepsie, soweit sie sich 
nicht schon jetzt als symptomatisch erwiesen hat, d. h. also die genuine 
Epilepsie, ist eine sich den „Krankheiten mit materieller Veränderung 
der Substanz“ nähernde, wahrscheinlich auf einer chronischen Autointoxi¬ 
cation beruhende Erkrankung: — die „Hysterie“ ist eine pathologische 
Steigerung der normaler Weise bei jedem Menschen vorhandenen Beein¬ 
flussbar k eit mit daraus resultirenden functionellen Störungen der ner¬ 
vösen Mechanismen. Eine Hystero-Epilepsie als gesonderte Krank¬ 
heit giebt es nicht. 
Es kommen einerseits Fälle von genuiner Epilepsie vor, bei denen 
einzelne Anfälle, welche ja ohne völligen Bewusstseinsverlust und mit 
partiellen Muskelkrämpfen einhergehen können, symptomatisch vollkommen 
den Charakter von psychogenen Krämpfen an sich haben. Zweitens kommen 
bei Hysterischen Zustände vor, welche mit ihrer Halbbenommenheit und 
den starken Hallucinationen ganz den Eindruck von epileptischen Aequi- 
valenten machen, sowie solche, bei denen schwerere Bewusstseinsstörung 
mit Zuckungen den Eindruck eines typischen epileptischen Anfalles er¬ 
weckt. Aber trotz dieser symptomatischen Aehnlichkeit darf Epilepsie und 
Hysterie als Krankheitsbegriff ebensowenig vermischt werden, wie etwa 
Gehirnblutung und Tumor cerebri, obgleich sie in bestimmten Stadien 
des Krankheitsverlaufes symptomatisch ein sehr ähnliches Bild zeigen 
können. 
Nun kommt jedoch noch ein dritter Fall vor, aus dessen mehrfacher 
Beobachtung die ganz unhaltbare Krankheitseinheit „Hysteroepilepsie“ 
entstanden ist, nämlich, dass ein notorisch Epileptischer nebenbei 
hysterisch wird. 
Wer die vielen Fälle von organischen Erkrankungen kennt, deren 
Bild durch hinzutretende Hysterie fast verdeckt wird, wer andererseits 
das Wesen dieser in der pathologisch gesteigerten Beeinflussbarkeit 
sieht, wird sich gar nicht wundern, dass in verhältnismässig häutigen 
Fällen zu der genuinen Epilepsie, welche die Aufmerksamkeit der sen¬ 
sationslustigen Mitmenschen im höchsten Grade auf sich zieht, durch 
psychische Vermittlung Hysterie hinzutritt. Der Einwand, dass die Epilep¬ 
tischen das Bewusstsein verlieren, während sie durch ihre Anfälle die 
Sensation ihrer Mitmenschen erregen, so dass ein psychischer Einfluss 
durch die letzteren nicht möglich sei, ist nicht stichhaltig. 
Fast immer sind die Epileptischen, wenn sie aus tieferer Ohnmacht 
erwachen, Gegenstand der sorgfältigsten Aufmerksamkeit. Sie fühlen sich
        

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