Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Diagnostik der Geisteskrankheiten für praktische Ärzte und Studierende
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18866/295/
Die psychogenen Zustande. 
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erst 6 Jahre nach der erlittenen Verletzung aufgetreten wäre. — Wir machen 
hierbei die nicht zutreffende Annahme, dass wenigstens symptomatisch die 
betreffenden Anfälle mit dem Bilde des Typisch-Epileptischen vereinbar 
gewesen wären. 
Ferner konnte, nachdem die Annahme einer organisch bedingten 
Epilepsie ausgeschaltet war, die Möglichkeit der genuinen Epilepsie in Be¬ 
tracht gezogen werden. Das Alter würde zu dieser Annahme ganz gut 
stimmen. Man könnte annehmen, dass in diesem Falle die genuine Epilepsie 
nicht mit typischen Krampfanfällen einsetzte, sondern mit Zuständen von 
Halbbewusstsein. Die Thatsache, dass das Kind noch Einiges von dem Zu¬ 
stand während des Anfalles wusste, kann nach den oben beim Capitel Epi¬ 
lepsie gegebenen Ausführungen nicht, als beweisend gegen die Annahme 
der genuinen Epilepsie in Betracht kommen. 
Wenn man sich jedoch die sogenannten Anfälle genauer ansieht, so 
zeigt sich, dass sie durchaus einen psychogenen Charakter haben. Alle 
im speciellen Fall gemachten Bewegungen lassen sich nach¬ 
ahmen, können willkürlich hervorgebracht werden. 
Ferner zeigen sie alle einen gemeinsamen Zug dadurch, dass sie sich 
immer in derselben bestimmten Situation ereignen (abends im Bett), wo¬ 
durch auch eine chronologische Uebereinstimmung bedingt ist. Wer hier 
ohne Betrachtung der näheren Umstände die blosse Thatsache der zeit¬ 
lichen Regelmässigkeit in Betracht zieht, würde in einer wenig haltbaren 
Weise von Periodicität reden. Aber auch wenn eine zeitliche Ueberein¬ 
stimmung ohne Rücksicht auf die Situation vorläge, so würde diese nicht 
gut zur Annahme einer genuinen Epilepsie, deren einzelne Anfälle fast 
ganz ohne Rücksicht auf Tageszeit und Situation auftreten, stimmen. 
Am meisten Beachtung verdient der Umstand, dass die Anfälle in 
einer Situation auftreten, wo sie die Aufmerksamkeit der Umgebung auf 
sich ziehen müssen, ferner dass jeder einzelne Anfall in einen gesunden 
Schlaf übergeht, nachdem die Grossmutter eine Weile tröstend am Bett 
gesessen hat. Sie sind also in ganz deutlicher Weise beeinflussbar. 
Im Hinblick auf diese Züge der „Krämpfe“ wurde ihre psychogene 
Natur angenommen. Der Knabe wurde einmal elektrisirt (Inductionsstrom), 
es wurde ihm eindringlich gesagt, dass die Krankheit nun vorbei sei. Er 
wurde in ein Krankenzimmer mit anderen Patienten ohne dauernde Nacht¬ 
wache untergebracht. Im Laufe von 8 Tagen kein Anfall. Er wurde von 
seinen psychogenen Krämpfen geheilt nach Hause geschickt, wo er sich 
1893 seit einem Jahr ohne Spur von Krampferscheinungen befand. 
Der zweite Fall, welcher die Combination von psychogenen Schmerzen 
mit Contracturen gleicher Natur erläutern soll, ist folgender: 
II. Fall. 19jährige Frau, seit circa 4 Monaten verheiratet. Von einem prak¬ 
tischen Arzt mit der Diagnose Rückenmarkskrankheit zugewiesen. Seit circa zwei 
Monaten Schmerzen in beiden Schultern bis herab zum Unterarm. Seit circa sechs 
Wochen haben sich die Finger der rechten Hand eingezogen, stehen in allen 
Gelenken etwas gebeugt, können activ fast gar nicht, passiv wegen Muskel¬ 
spannung nur mit grossen Schmerzen gestreckt werden. In geringerem Grade ist 
die Erscheinung auch links vorhanden. Die Hände und der Unterarm blauroth. 
Wenn die Frau zu arbeiten versucht, so bekommt sie sehr starke Schmerzen in 
den Händen. 
Abends oft ganz plötzliche Anschwellung der Hand am Handrücken und des 
Unterarmes.
        

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