Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Diagnostik der Geisteskrankheiten für praktische Ärzte und Studierende
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18866/287/
Die genuine Epilepsie. 
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gestellt. Ich brach mit dem Opium plötzlich ab und gab mittelstarke Dosen Brom¬ 
kalium. Der Erfolg war nach der bisherigen mehrmonatlichen vergeblichen Be¬ 
handlung überraschend. Im Laufe von acht Tagen verschwanden die Sinnes¬ 
täuschungen fast ganz, dann besserte sich die Gemüths Verfassung; nun traten 
allerdings wieder heftige Neuralgieen auf, die jedoch ebenfalls unter Brom¬ 
behandlung allmählich wichen. 
Hier tritt die grosse praktische Bedeutung der Diagnose auf Epilepsie 
deutlich zutage. Mit der Diagnose ist hier zugleich die Prognose und 
die therapeutische Indication ohne Weiteres gegeben. Wenn nicht die mo¬ 
torischen Beizerscheinungen bei dieser scheinbar einfachen Geistesstörung 
den Anlass gegeben hätten, nochmals ganz gründlich anamnestisch nach 
Symptomen von Epilepsie zu forschen, so wäre wahrscheinlich die Diagnose 
auf das Grundleiden nicht gestellt worden. 
Aehnlich liegt der folgende Fall, in welchem die Diagnose auf 
Epilepsie erst nach längerer Anstaltsbehandlung gestellt wurde: 
Sophie F. aus W., Arbeitersfrau, geboren 1843, aufgenommen 1893, also in 
ihrem 50. Jahre. War im Herbst 1892 zuerst in ihrer Wohnung in irrenärztliche 
Beobachtung gekommen. Bot damals das typische Bild einer agitirten Melancholie. 
Sie jammerte fortwährend, lief unruhig im Zimmer hin und her, rang die Hände, 
verweigerte die Nahrung. Es wurde damals der Rath ertheilt, sie sofort in die 
Klinik zu bringen, was aus pecuniären Gründen nicht geschah. Bei der 7* Jahr 
später in die Klinik erfolgten Aufnahme, welche auf Antrag des Hausherrn durch 
die Polizei erfolgte, machte sie zuerst den Eindruck einer einfach Melancholischen, 
zeigte jedoch dabei auffallende Intelligenzschwäche. Sie war sehr kritiklos in 
Bezug auf die Ausführbarkeit von manchen Wünschen, die sie äusserte. Z. B. sagte 
sie, ihr Mann habe ein „Mensch“, und wollte deshalb, ohne etwas Weiteres von 
dieser Person zu wissen, in die Stadt laufen, um sie zu suchen. Dabei hatte sie 
viele hypochondrische Klagen. Sie habe einen Stein auf dem Kopf, es summe im 
Ohr. Eigentliche Hallucinationen waren nicht nachzuweisen. 
Die Intelligenzstörungen machten die paralytische Natur ihrer schein¬ 
bar functionellen Geistesstörung wahrscheinlich. Es liessen sich jedoch 
durchaus keine paralytischen Symptome (Fehlen der Kniephänomene, 
reflectorische Pupillenstarre etc.) finden. Auch für andere organische Hirn¬ 
erkrankungen, besonders Tumor cerebri, wobei chronische Gemüths- 
depressionen und Intelligenzstörungen Vorkommen können, liess sich kein 
Zeichen finden. Augenhintergrund normal. 
Zu einem typischen Bilde functioneller Geistesstörung passte der 
psychische Zustand ebenfalls nicht. So blieb die Diagnose im Dunklen, 
bis am 14. Juni 1893 ein typischer epileptischer Anfall mit 
Krämpfen auftrat. Während von den Angehörigen bis dahin Epilepsie 
constant in Abrede gestellt worden war, kamen nun folgende Thatsachen 
zutage: 
Schon vor ihrer Verheiratung hatte sie oft starke Kopfschmerzen, die 
einige Tage dauerten. Sie lag dann arbeitsunfähig im Bette, gab keine Antwort, 
hat nichts gegessen und getrunken. Auch in der Ehe sind solche Anfälle oft auf¬ 
getreten. Von Anfällen, bei denen sie bewusstlos geworden ist und Krämpfe gehabt 
hat. weiss der Mann gar nichts. Dabei ist jedoch in Betracht zu ziehen, dass er 
sehr oft vom Hause abwesend war. Nach der erwähnten ängstlichen Erregung 
im Herbst 1892, während welcher sie psychiatrisch beobachtet worden war, hat 
sie sich bald 'beruhigt, ohne aber geistig ganz normal geworden zu sein. Sie 
wurde öfter grob und gewaltthätig. Manchmal hat sie „tolles Zeug“ geredet, es 
ging aber immer wieder rasch vorüber. Manchmal hat sie den Mann des
        

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