Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Diagnostik der Geisteskrankheiten für praktische Ärzte und Studierende
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18866/274/
Dio genuine Epilepsie, 
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Hirnkrankheiten (Hydrokephalie, Porenkephalie) darstellen. Manchmal 
schließt sich die genuine Epilepsie, an die sogenannten „Zahnkrämpfe“ an, 
oder vielmehr diese sind die erste Aeusserung der Erkrankung. In anderen 
Fällen bleiben die Kinder mehrere Jahre lang nach den Zahnkrämpfen 
frei und dann tritt plötzlich ohne jede greifbare äussere Ursache 
ein Anfall von Bewusstlosigkeit mit Krämpfen auf. In diesem unver¬ 
muteten, nicht von aussen veranlassten Auftreten liegt ein wich¬ 
tiges, differentialdiagnostisches Moment gegenüber den hysterischen 
Krampfzuständen, welche bei Kindern fast immer nach einem starken 
psychischen Eindruck einsetzen. 
Dieser erste Anfall wird meistenteils von den Angehörigen und der 
Umgebung wenig beachtet, wenn nicht zufällig äussere Verletzungen dabei 
vorgekommen sind. Die Erkrankten selbst reagiren psychisch zunächst gar 
nicht auf diesen Ausbruch, weil sie von dem Anfall vermöge der Bewusst¬ 
losigkeit nichts wissen und meist aus dem Anfall wieder ganz munter er¬ 
wachen. Noch weniger tritt der Beginn der schweren Krankheit in das 
Bewusstsein der Umgebung, wenn die ersten Anfälle nachts auftreten. Oft 
werden die Eltern nur durch das häutig bei der Epilepsia nocturna auf¬ 
tretende Bettnässen aufmerksam und bemerken dann, dass das Kind nachts 
Zuckungen hat. 
Es ist nun charakteristisch, dass nach dem ersten Anfall häutig eine 
lange Zeit kein Anfall wieder erfolgt, so dass die Eltern sich längst über 
das scheinbar geringfügige Ereignis beruhigt haben. Oft kommt erst nach 
mehreren Monaten der zweite Anfall. Dieser ganz allmähliche, scheinbar 
leichte Beginn ist nun gerade von Wichtigkeit, um solche Krampfzustände 
bei Kindern von den hysterischen zu unterscheiden. Letztere brechen fast 
immer plötzlich nach einem starken psychischen Eindruck, der ja auch 
mechanische Einwirkungen, z. B. eine Ohrfeige von Seiten des Lehrers, 
einen Fall oder eine leichte Erschütterung etc. begleiten kann. aus und 
häufen sich im Anfang meist in einer anscheinend sehr besorgniserregen¬ 
den Weise. Auch die weiteren Anfälle zeigen das Charakteristische, dass 
die hysterischen meist in bestimmten Situationen, besonders in Anwesen¬ 
heit von Zuschauern, auftreten, während die echt epileptischen ohne jede 
äussere Veranlassung in den verschiedensten Situationen und ohne lliiek- 
sicht auf die Anwesenheit menschlicher Iiilfe auftreten. Während also die 
hysterischen Zustände bei den Kindern fast ausschliesslich in Abhängigkeit 
von psychischen Einwirkungen der Umgebung stehen, zeigen die epilep¬ 
tischen das Charakteristicum des Elementaren, nicht psychisch Beeinfluss¬ 
baren, von innen Kommenden. 
Während die hysterischen Anfälle meist, nachdem sie eine Zeit lang 
mit grosser Heftigkeit aufgetreten sind, plötzlich unter einem psychischen 
Einfluss ganz verschwinden. werden nach dem allmählichen Beginn der 
echten epileptischen Anfälle die Perioden zwischen den einzelnen Ausbrüchen 
immer kürzer. Während zuerst Monate zwischen den einzelnen Anfällen 
gelegen haben, treten dann in einer Woche vielleicht mehrere auf, worauf 
wieder wochenlange Pausen erfolgen. Fis bilden sich dann oft Perioden von 
gehäuften Anfällen und relativer Buhe heraus. Während die Kinder in den 
ersten Jahren nach Auftreten des ersten Anfalles geistig noch ganz normal 
sind, zeigen sich später fast ausnahmslos psychische Abnormitäten, besonders 
allmähliche Verblödung, durch welche alles in den ersten Jahren der Schule
        

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