Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Diagnostik der Geisteskrankheiten für praktische Ärzte und Studierende
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18866/271/
Dio genuine Epilepsie. 
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dass sich ein Theil der unter genuiner Epilepsie zusammengefassten Fälle 
später nach bestimmten greifbaren Charakteren wird zusammenfassen und 
herausheben lassen, so dass sich vielleicht später das Wort epileptisch ganz 
in die allgemeine Pathologie verweisen lassen wird. 
Die Krankheit, um welche es sich handelt, ist also weniger durch den 
einzelnen mit Bewusstlosigkeit verbundenen Anfall, der eben auch bei anderen 
Krankheiten Vorkommen kann, charakterisirt, als durch den Verlauf. 
Der einzelne Anfall verläuft dabei ungefähr folgendermaassen : Es 
treten meist kurz vor dem Anfall sonderbare Empfindungen auf, eine 
Art von l nbehaglichkeit, ein Aufwallen aus dem Körper nach dem Kopf 
zu. von Alters her „yJkx, Ilauch" genannt. Nun tritt plötzlich völlige Be¬ 
wusstlosigkeit ein, wobei die Kranken hinstürzen, wenn sie nicht, durch 
die Aura gewarnt, vorher ein ungefährliches Lager aufsuchen. Zugleich 
beginnen die Zuckungen, welche häufig die ganze Körpermusculatur be¬ 
treffen. ln vielen Fällen zeigt sich eine allgemeine Starre der Musculatur, 
welche von krampfhaften Bewegungen unterbrochen wird. Die Zuckungen 
gehen an den Gliedern meist im Sinne der Beugung vor sich. Die Daumen 
sind dabei eingeschlagen. Jedoch kommen auch Fälle mit vorwiegenden 
Streckinnervationen vor. Oft beginnen die Zuckungen in einer be¬ 
stimmten Muskelgruppe und breiten sich erst dann auf die ganze 
Musculatur aus. Das Eacialisgebiet ist öfters betheiligt. Die Augenlider 
werden oft weit aufgerissen und die Augen krampfhaft nach einer Seite 
gedreht. Durch den krampfhaften Schluss der Masseteren kommt, wenn 
die Zunge sich zufällig zwischen den Zähnen befindet oder unwillkürlich 
krampfhaft etwas nach vorne gestreckt wird, oft Zungenbiss zustande. Spuren 
hiervon sind in zweifelhaften Fällen für die Wahrscheinlichkeitsdiagnose auf 
Epilepsie sehr wichtig. Die Pupillen sind manchmal während des Anfalles er¬ 
weitert und starr, können aber auch normale Reaction zeigen. Die 
Sehnenrefiexe sind in einigen Fällen während des Anfalles verschwunden, sind 
dann meist wie oft schon im Anfang des Anfalles während des Ueberganges 
zum Erwachen sehr gesteigert und können sonderbarer Weise nach Auf¬ 
hören des Krampfes noch einmal auf kurze Zeit verschwinden. Mit diesem 
Anfall ist nun in den typischen Fällen völlige Bewusstlosigkeit ver¬ 
knüpft. Meistentheils besteht nachher Erinnerungslosigkeit, so dass die 
Kranken das Geschehene erst von ihrer Umgebung erfahren. 
Diese Charakterisirung macht jedoch mehrere Einschränkungen noth- 
wendig. Die völlige Erinnerungslosigkeit spricht zwar für die epileptische 
Natur der Krankheit. Es ist jedoch falsch, deswegen, weil sich ein Mensch 
an die Vorgänge während seiner Anfälle ganz oder zum Theile erinnert, 
auf das Nicht Vorhandensein von genuiner Epilepsie zu schliessen. Es 
kommen Fälle von Epilepsie vor. in welchen das Bewusstsein nicht ganz 
aufgehoben ist. 
Es ist nun ein strenger Unterschied zu machen zwischen Bewusst¬ 
losigkeit und Erinnerungslosigkeit (Amnesie). Wenn das Bewusst¬ 
sein bei dem Anfall ganz aufgehoben ist, so ist natürlich eine Erinnerung 
an das während der Bewusstlosigkeit Geschehene von vornherein ausge¬ 
schlossen. In diesem Fall résultât in der That aus der Bewusstlosigkeit 
die Erinnerungslosigkeit. In den Fällen jedoch, wo das Bewusstsein nicht 
ganz aufgehoben ist. kann Erinnerungslosigkeit da sein oder sie kann 
fehlen. Es kommt z. B. vor. dass eine Person, mit der man sich unterhält.
        

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