Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Diagnostik der Geisteskrankheiten für praktische Ärzte und Studierende
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18866/264/
Infectionen. 
2:56 
am 23. frtili 39°, abends 38'5°, am 24. früh 38-2°, abends im Spital 39°. Am 
25. früh 37'0°. Abends stieg das Fieber auf 38-9°. Da sonst nichts auf organische 
Erkrankung deutete, wurde die Kranke in die psychiatrische Klinik transferirt, 
von wo sie mit der Diagnose auf Typhus abdominalis in das Spital zurückver¬ 
legt wurde. 
Hier kann man in der That behaupten, dass, wie schon in anderen 
Fällen, ein Typhus abdominalis wesentlich aus den psychologischen Symptomen 
diagnosticirt worden ist. 
Erysipel. 
J. E„ Bauer, aufgouommon am 25. Juli 1893 im Alter von 34 .Jahren. Bei 
der Aufnahme in einer sinnlosen motorischen Unruhe. Wird mit grossem Wider¬ 
streben ins Bad gebracht, reisst in einer sinnlosen Weise an seinem Penis, sobald 
man ihm die Hände freigieht. StÖsst von Zeit zu Zeit unverständliche Bruchstücke 
von Sätzen hervor. 
Augen starr in die Ferne oder nach der Decke gerichtet. Antwortet auf 
Fragen entweder gar nicht oder er stösst einige mit der Frage in keinem ersicht¬ 
lichen Zusammenhang stehende Worte hervor. Im Bett sehr unruhig, rutscht 
herum, greift in einer schlotternden Weise nach dem Bettzeug, hebt es empor, 
als wenn er etwas suche. Pupillenreaction normal. Patellarrefiexe vorhanden. Urin 
eiweissfrei. Temperatur 38D. Im Gesicht bis zu den Ohren und auf der Stirne 
bis über die Haargrenze starke Hautabschuppung. Nach Aussage des Arztes, 
welcher den Kranken hereingebracht hat, hat E. seit dem 17. Juli, also 8 Tage 
vor der Aufnahme, ein Erysipel im Gesicht bekommen. Der Arzt wurde erst am 
21, Juli, also 4 Tage nach dem Auftreten der Krankheit, gerufen, und zwar nicht 
wegen des Erysipels, sondern weil sich der Patient im Kopfe schwer krank fühlte. 
Der Arzt fand ihn weinerlich erregt, abends wurde er sehr unruhig. Dabei war 
das Fieber sehr gering (circa 38°). Am 22. Juli wurde er still und sprach auch 
auf Anreden kein Wort mehr. Früh um 10 Uhr fing er zu toben an, so dass er 
von mehreren Männern kaum im Bette gehalten werden konnte. Mitunter suchte 
er plötzlich loszuschlagen. Reden der ihn umgebenden Menschen fasste er dabei 
gar nicht mehr auf. 
Er trommelte im Tacte mit Händen und Füssen an 'der Bettstatt. Diese 
Zustände von Ruhe und Bewegungsdrang, wobei er stets schwer verwirrt war, 
dauerten bis zur Aufnahme in die Klinik (25. Juli) an. 
Die Erkrankung, welche sich symptomatisch als Verwirrtheit mit 
Tobsucht darstellt, hat also am 5. Tage nach Beginn eines Erysipels bei 
sehr geringem Fieber begonnen. Da zur Zeit der Aufnahme das Erysipel 
verschwunden und nur noch an der Abschuppung kenntlich war, so erschien 
das Erysipel, beziehungsweise die damit einhergehende Intoxication zur 
Erklärung der noch bestehenden starken Geistesstörung nicht ausreichend, 
ebensowenig, wie das sehr geringe Fieber von 38°. welches sich kaum mehr 
auf das schon verschwundene Erysipel beziehen liess. 
Trotzdem war die tiefe Verwirrtheit so charakteristisch für die 
nicht seltenen Zustände nach schweren Infectionen, dass gleich bei der 
Aufnahme eine solche entschieden angenommen wurde. Vor allem wurde 
an Typhus abdominalis gedacht und sorgfältig auf Roseola und charak¬ 
teristischen Stuhl gefahndet. 
Ich gebe nun den weiteren Verlauf des merkwürdigen Falles: 
26. Juli 1893. Sehr verwirrt. Sinnlose motorische Unruhe. Temperatur 
zwischen 38'4° und 38'6°. Urin normal. Da Meningitis ausgeschlossen wird, und 
das schon vergangene Erysipel nicht zur Erklärung auszureichen scheint, wird 
Typhus abdominalis angenommen.
        

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