Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Diagnostik der Geisteskrankheiten für praktische Ärzte und Studierende
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18866/255/
Intoxicationen, 
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eine sehr ungünstige, wenn auch vorübergehende Besserung nicht aus¬ 
geschlossen ist. Erschwert wird die Behandlung durch die Schwindelhaftig- 
keit des T., welche gerade bei hysterischen Morphinisten oft stark hervortritt. 
Der Cocainismus. 
Der Cocainismus ist eine Erkrankung, welche in den psychiatrischen 
Lehrbüchern vermuthlich nur ein transitorisches Dasein haben und dann 
von einer anderen Intoxicationserkrankung abgelöst werden wird. Der 
praktische Arzt soll aus seinem Vorhandensein sich vor allem die Lehre 
ziehen, dass Narcotica in seiner Praxis nur mit grosser Zurückhaltung 
angewandt werden dürfen. 
Die erste Wirkung des Cocains bei einmaliger Aufnahme ist eine 
dem Champagnerrausch ähnliche euphorische Erregung. Das Moment, 
welches nach einmaliger Anwendung leicht Wiederholung davon und 
chronischen Cocainismus zur Folge haben kann, ist das dem Rauschzustand 
folgende Gefühl des Abgeschlagenseins, welches durch erneute Aufnahme 
beseitigt wird. Hier liegt ein praktischer Unterschied im Hinblick auf die 
einmaligen Alkoholexcesse. In dem hierauf folgenden Zustande haben fast 
alle Menschen einen Abscheu gegen die Wiederaufnahme von Alkohol, und 
wenn nicht von der socialen Umgebung immer von neuem die Anregung 
zum erneuten Excess gegeben würde, würden vermuthlich viele Menschen, 
die tatsächlich Alkoholisten werden, durch die Erinnerung an die Wirkung 
des Excesses von der Wiederaufnahme abgeschreckt werden. Bei dem 
Cocain scheint dagegen der Folgezustand unmittelbar mit dem Trieb zur 
Wiederaufnahme verknüpft zu sein. Das Aussetzen des länger gebrauchten 
Mittels bewirkt schwere Abstinenzerscheinungen (allgemeines Unbehagen, 
Schwindel, Herzklopfen), wodurch ebenso wie durch die Folgeerscheinungen 
nach einmaligem Gebrauch die erneute Aufnahme des Mittels ange¬ 
regt wird. 
Die psychischen Erscheinungen hei dem chronischen Cocainmissbrauch 
lassen sich am besten im Hinblick auf die Wirkungen des einmaligen 
Gebrauches verstehen, deren verblasstes und von der euphorischen Grund¬ 
stimmung losgelöstes Bild sie sind. 
Unfähigkeit, die Aufmerksamkeit zu concentriren, besonders Erin¬ 
nerungsbilder durch innere Anspannung heraufzuführen und die Gegenwart 
scharf zu erfassen, verbunden mit leichter Ideenflucht erinnern in ab¬ 
geblasster Weise an das Rauschstadium. Der Unterschied gegen dieses 
besteht in der Abwesenheit der gehobenen Stimmung bis auf die kurzen 
Momente nach Einverleibung des Mittels. Im Gegentheil zeigt sich bei 
chronischem Cocainmissbrauch gleichzeitig neben den an Manie erinnern¬ 
den Zuständen der intellectuellen Sphäre (leichte Ideenflucht. Yiel- 
geschäftigkeit, Redesucht etc.), abgesehen von der Zeit der unmittelbaren 
Einwirkung des Mittels, eine versteckte Angst mit enormer Reizbarkeit. 
Vielleicht liegen hier die psychologischen Momente zur Erklärung 
des eigentümlichen Bildes acuter Geistesstörung, welches sich auf der 
Basis des chronischen Cocainismus entwickelt und symptomatisch als acuter 
hallucinatorischer Wahnsinn bezeichnet werden muss. Es handelt sich 
um das Auftreten von Sinnestäuschungen, besonders im Gebiete der Sprache, 
welche ihren speciellen Charakter durch die ängstlich-misstrauische Stimmung 
bekommen. Diese Sinnestäuschungen sind von einer Tendenz zur Wahn-
        

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