Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Diagnostik der Geisteskrankheiten für praktische Ärzte und Studierende
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18866/239/
Intoxication«!. 
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acten hat, hängt davon wesentlich ab. Dieser eine Grundzug der Alkohol¬ 
wirkung, die Erregung der motorischen Sphäre, kann sich nun bis zu 
schwerster Tobsucht steigern. 
Um diese richtig gegen andere Arten von Tobsucht abzugrenzen, 
müssen wir einen Blick auf die zweite Wirkung des Alkohols, nämlich 
die auf das Sensorium ausgeübte, werfen. 
Auf das erste Stadium der Einwirkung, in welchem sich schon die 
Erleichterung der motorischen Uebertragungen zeigt, folgt sehr bald eine 
Verlangsamung und Erschwerung in der Auffassung äusserer Ein¬ 
drücke, mit welcher die Unfähigkeit zu dauernder Anspannung der Auf¬ 
merksamkeit und genaueren Verfolgung eines schwierigen Gedankenganges 
zusammenhängt. 
Diese Erschwerung der sensorischen Acte im Verlauf der 
Alkoholwirkung kann bis zu starken Bewusstseinstrübungen führen. Diese 
sensorischen Defecte geben der durch Alkohol bedingten Tobsucht ihren 
unterscheidenden Charakter. 
In den meisten Fällen wird sich nun die Thatsache, dass eine 
alkoholistisch bedingte Tobsucht oder Verwirrtheit vorliegt, aus den An¬ 
gaben der Umgebung eruiren lassen. Es kommen aberdoch öfter Fälle vor, 
wo die Anamnese völlig im Stiche lässt, ja sogar, wo anamnestisch von 
den Angehörigen eine Alkoholintoxication hartnäckig geleugnet wird, 
während es sich doch darum handelt. 
Viel leichter zu diagnosticiren als diese Fälle ist das typische 
Delirium tremens potatorum. Auf der Basis des chronischen 
Alkoholismus, welcher die sociale Stellung des damit Behafteten zwar oft 
sehr erschwert und zweifelhaft macht, aber diesen doch nur sehr selten in 
psychiatrische Behandlung bringt, entwickeln sich öfter stärkere Geistes¬ 
störungen, die meist eine Aufnahme der Betroffenen in eine psychiatrische 
Anstalt nothwendig machen. Die bekannteste davon ist das Delirium 
tremens. Diese Benennung ist eine der wenigen in der Psychiatrie, welche 
den vorhandenen Symptomencomplex einigermaassen richtig ausdrücken. 
Was das Delirium betrifft, das im ersten Bestandtheil der Bezeichnung 
gemeint ist, so hat dasselbe häufig Eigenthümlichkeiten, die an sich schon, 
abgesehen von Anamnese und sonstigen Symptomen, die Diagnose dieser 
Erkrankung als einer durch Alkohol bedingten ermöglichen. In den leb¬ 
haften, phantastischen Sinnestäuschungen, die bei gleichzeitiger Trübung 
des Bewusstseins auftauchen, treten die optischen vor allem hervor, und 
zwar sind es wesentlich die Thiervisionen, welche das charakteristische 
Gepräge geben. Die Kranken sehen mit hallucinatorischer Deutlichkeit 
Mücken, Käfer, Spinnen, Schmetterlinge, Mäuse, Ratten, Vögel, auch 
grössere Thiere, besonders Katzen, Hunde, Schafe, Ochsen. 
Das äussere Charakteristicum für die praktische Diagnose liegt aber 
nicht in diesem Auftreten gewisser Sinnestäuschungen, welche ja ganz 
subjectiv sein können, oft auch nicht durch Worte geäussert werden, 
sondern in der Art, wie die Kranken auf diese Thiervisionen re agir en. 
Derselbe Grundzug, der uns auch in dem Rauschzustand und der durch 
Alkohol bedingten Tobsucht begegnet ist, die Erleichterung der motorischen 
Uebertragungen tritt hier in Verbindung mit den Thiervisionen in den 
Vordergrund. Diese alkoholistischen Hallucinanten starren nicht ihre Phan-
        

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