Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Diagnostik der Geisteskrankheiten für praktische Ärzte und Studierende
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18866/208/
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Hydrokephalie. 
typisch, dass die Diagnose nicht verfehlt werden konnte. Schwieriger ist 
in morphologischer Beziehung die Sachlage, wenn die hydrokephalische 
Kopfform durch Nahtverknöcherungen modificirt und dadurch zum Theil 
unkenntlich geworden ist. Hierfür gebe ich folgendes Beispiel: 
K. T. aus W., geh. 4. August 1866, aufgenommen in die psychiatrische 
Klinik zu Giessen am 1. September 1900. Es liegt ausgeprägter Schwachsinn vor. 
Die Prüfung der Schulkenntnisse ergiebt folgendes Resultat : Der Kranke macht 
grobe Fehler im Alphabet und in der Zahlenreihe, kennt die Monatsnamen nur 
theihveise, kann die Reihenfolge der Wochentage nicht innehalten. Geographische 
und geschichtliche Kenntnisse ganz gering. Rechenvermögen = 0. Er schreibt 
seinen eigenen Namen in erkennbarer Weise ab, während er denselben auf Diktat 
sehr mangelhaft schreibt. Er stottert stark, wobei lebhafte Mitbewegungen in den 
Gesichtsmuskeln auftreten. 
Bei diesem Befund war der Kranke zweifellos als schwachsinnig zu 
bezeichnen, und zwar konnte im Hinblick auf die Thatsache, dass bei später 
ausbrechender Demenz, falls diese nicht auf progressiver Paralyse beruht, 
die Schulkenntnisse fast immer erhalten bleiben, angenommen werden, dass 
es sich um einen angeborenen oder in den ersten Lebensjahren erworbenen 
Schwachsinn handelte. Es fragte sich nun, von welcher Art dieser in 
pathogenetischer Beziehung war. 
Neben den Intelligenzstörungen traten zwei andere psychische Momente sehr 
bald in den Vordergrund, nämlich 
1. eine ausserordentliche Reizbarkeit mit periodischer Verstärkung, 
2. ein paranoischer Zug, indem T. sich fortwährend von Mitkranken 
verspottet meinte, wodurch er in heftigen Zorn versetzt wurde. Beide Momente 
erschwerten die Behandlung ausserordentlich, da er mehrfach bei den geringsten 
Anlässen in gewaltthätige Erregung gerieth. 
Diese Art von Schwachsinn mit Erregungszuständen und paranoischen 
Zügen ist erfahrungsmässig sehr häufig, wenn der Idiotie ein epileptisches 
Leiden zugrunde liegt, mag die Epilepsie genuin oder durch eine organische 
Hirnkrankheit (Hydrokephalie, Porenkephalie, meningitische Processe) be¬ 
dingt sein. Es zeigt sich nun bei dieser psychologischen Sachlage ein 
morphologischer Befund, welcher dieser diagnostischen Idee eine bestimmte 
Richtung giftbt. 
Der Schädel ist an den Scheitelbeinen stark ausgebuchtet, wie bei der 
hydrokephalisehen Kopfform. Dabei ist die Stirn sehr schmal, die Tubera 
frontalia stehen relativ nahe aneinander. Der Schädel zeigt beim Zusammen¬ 
treffen dieser beiden Momente eine ausgeprägte Keilform. 
Diese Form des Schädels kann, wie erwähnt, zustande kommen, wenn 
bei einer hydrokephalisehen Erkrankung gleichzeitig eine Verwachsung der 
Stirnnaht auftritt, so dass der den Schädel erweiternde Druck der Flüssig¬ 
keit zwar an den seitlichen, nicht aber an den vorderen Schädelpartieen 
zur Wirkung kommen kann. 
Dabei erscheint die Längsaxe im Verhältnis zur Queraxe auffallend gering. 
Der Schädel ist durch eine Einsattelung hinter der Stirn, welche den Coronar- 
nähten zu entsprechen scheint, wenn sie auch abnorm weit nach vorn liegt, und 
durch einen hinter derselben befindlichen Wall als Sattelkopf gekennzeichnet. 
Der Stirntheil des Schädels ist abnorm kurz. 
Diese Erscheinungen an dem vorderen Schädelabschnitt lassen sich 
am einfachsten aus einer frühen Verwachsung der Coronarnähte erklären, 
welche zusammen mit der Verwachsung der Stirnnaht bei gleichzeitigem
        

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