Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Diagnostik der Geisteskrankheiten für praktische Ärzte und Studierende
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18866/199/
Senile Hirnatrophie. 
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das Fortgehen aus der Heimat war, bleibt er nun gerne hier. Während er aus 
den letzten Monaten sehr wenig weiss, hat er viele Erinnerungen aus 
früherer Zeit, die er gern erzählt. Für auswendig gelernte Wort¬ 
reihen ist gutes Gedächtnis vorhanden, Schrift tadellos, ebenso das 
Lesen. W. arbeitet einfache Sachen im Schneiderhandwerk sehr geschickt. 
Es zeigen sich also neben den mit der progressiven Paralyse ge¬ 
meinsamen psychologischen Zügen eine kleine Anzahl von Momenten, welche 
die Wagschale zu Gunsten der Annahme einer einfachen senilen Demenz 
herunterdrücken. Das Erinnerungsvermögen für früher Gelerntes 
und die Ausführung eingelernter Bewegungsreihen ist bei ihm 
überraschend gut erhalten, während die Intelligenzstörung in Bezug 
auf die Auffassung der Gegenwart erheblich ist. Auf Grund dieser rein 
psychologischen Differenzirung wurde bei W. die bestimmte Diagnose 
auf einfache senile Demenz gestellt, welche durch den weiteren Verlauf 
vollständig gerechtfertigt worden ist. 
Viel verwickelter noch lag die Frage der Differentialdiagnose in 
folgendem Fall, in dem körperliche Lähmungserscheinungen vorhanden 
waren : 
E. T., aufgenommen am 23. August 1892 im Alter von 70 Jahren. Als 
Kaufmann sehr anstrengendes lieben geführt. 5 Jahre vor Aufnahme ein Schlag¬ 
anfall. Es war damals das rechte Bein, der rechte Arm und die Zunge gelähmt. 
Patient konnte nicht mehr gehen, schreiben und sprechen. Im Laufe eines 
Jahres besserte sich die Lähmung der Zunge und des rechten Armes, Lähmung 
des rechten Beines blieb bestehen. Im Laufe der letzten zwei Jahre machte sich 
eine allmähliche Abnahme der geistigen Leistungen bemerkbar, namentlich starke 
Abnahme des Gedächtnisses; ferner Verwechseln von Personen und Sachen, zu¬ 
nehmende Schwierigkeit im Gebrauch sonst geläufiger Worte. Im letzten Jahr 
hat Patient öfter Anfälle gehabt, in denen er tagelang aphasisch war und tage¬ 
lang Zwangsbewegungen mit den Extremitäten ausführte. Diese Symptome ver¬ 
schwanden wieder, dagegen blieb darauf eine deutliche Abnahme der geistigen 
Fähigkeiten bestehen. 
Diese Anamnese stimmt nun symptomatisch ebenfalls zunächst sehr 
gut zu, der Annahme einer progressiven Paralyse. Dass diese Krankheit 
auch in hohem Lebensalter Vorkommen kann, ist bekannt. Dass die Er¬ 
krankung schon vor 5 Jahren, und zwar ohne vorhergehende psychische 
Symptome, mit einem Schlaganfall eingesetzt hat, spricht jedenfalls nicht 
dagegen. Man kann sogar sagen, dass die progressive Paralyse die Auf¬ 
einanderfolge der Symptome besser erklärt als die senile Hirnatrophie. 
Denn bei ersterer kommt es der Natur der Krankheit nach oft vor, dass 
einem Schlaganfall Verblödung folgt. Die senile Demenz kann jedoch nur 
indirect durch die gleichzeitig bestehende Atheromatose mit Schlagan¬ 
fällen complicirt werden. Nun bliebe die dritte Annahme, dass die Apo¬ 
plexie im vorliegenden Falle die cerebrale Ursache der Verblödung sein 
könnte. Es kommen jedoch so viele Apoplexieen bei mehr oder weniger 
alten Leuten ohne daraus folgende Verblödung vor, dass man nicht ohne 
weiteres einen solchen ursächlichen Zusammenhang zwischen localer Hirn¬ 
erkrankung und allgemeiner Verblödung construiren darf. T. wäre also 
wahrscheinlich — wenn man progressive Paralyse ausschliesst - infolge 
seniler Hirnatrophie gerade so blöd geworden, wenn er auch die locale 
Blutung nicht gehabt hätte. Es handelte sich also zunächst darum, ob 
sich progressive Paralyse ausschliessen liess oder nicht.
        

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