Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Diagnostik der Geisteskrankheiten für praktische Ärzte und Studierende
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18866/197/
Smile Hirnatrophie. 
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bringt, ohne dass die vor langer Zeit eingelernten Associationen davon 
irgendwie berührt werden. Der Unterschied besteht jedoch in der Art 
des Ausbruches. Während bei dem primären Schwachsinn die geistige 
Niveauverschiebung oft unter stürmischen Aufregungen ziemlich acut er¬ 
folgt, findet sich bei der senilen Demenz meist ein sehr langsamer Ueber- 
gang. Das Gedächtnis für früher Erlebtes ist erhalten, während die 
normale Ileactionsfähigkeit für frische Eindrücke und die thätige Antheil- 
nahme am Gegenwärtigen verloren geht. Solche Menschen werden all¬ 
mählich ganz unfähig, selbst für sich zu sorgen, vegetiren interesselos 
dahin und leben nur noch in der Wiederholung früher erlebter Dinge und 
früher gelernter Sprüche manchmal auf. 
Hierin kann oft ein differentialdiagnostisches Moment gegenüber der 
progressiven Paralyse liegen, welche ja auch in hohem Lebensalter Vor¬ 
kommen kann, weil nämlich bei dieser gerade die primitiven Kenntnisse, 
wie Schreiben, Rechnen etc., oft zuerst in Mitleidenschaft gezogen werden. 
Ferner kommt eine Form von seniler Demenz vor, bei welcher alte 
Charaktereigenschaften in einer pathologisch übertriebenen Weise hervor¬ 
treten, weil alle Hemmungen, welche sonst die einzelnen Triebe der Menschen 
im Zaum halten, weggefallen sind. Auch hier kommen dann Krankheits¬ 
bilder zustande, welche genetisch den Anschein der progressiven Paralyse 
erwecken, während sie rein symptomatisch als „Moral insanity“ zu be¬ 
zeichnen wären. Wir werden jedoch noch öfter Gelegenheit haben, die 
Anwendung dieses Begriffes auf sehr bescheidene Grenzen einzuengen. 
Jedenfalls darf man einen Menschen, welcher im späteren Lebensalter im 
Gegensatz zu seinem moralischen Verhalten in früheren Zeiten bedenkliche 
Züge, z. B. im sexuellen Gebiete, wie es öfter vorkommt, zeigt, durchaus 
nicht unter den vagen Begriff „Moral insanity“ bringen, sondern muss die 
Frage erörtern, ob eine senile Demenz anzunehmen ist oder nicht. 
Es können sich nun die Intelligenzdefecte bei der senilen Demenz 
compliciren mit körperlichen Lähmungen, welche infolge von Flirnblutung 
bei alten Leuten öfter auftreten. Die Veranlassung hierzu ist das sehr 
häufige Vorhandensein von Gefässatheromatose bei solchen. Dadurch kann 
ein Bild zustande kommen, welches symptomatisch der progressiven 
Paralyse, welche ebenfalls in ziemlich hohem Alter noch Vorkommen kann, 
sehr ähnlich sieht. Die Differentialdiagnose zwischen einfacher seniler 
Demenz und progressiver Paralyse ist praktisch sehr wichtig, weil mit 
diesen beiden Diagnosen ganz verschiedene prognostische Urtheile über den 
weiteren Verlauf, beziehungsweise den zu vermuthenden Eintritt eines 
Exitus letalis ausgesprochen werden. Ein Mensch mit seniler Demenz, 
selbst-.wenn sich diese mit den Folgen von Apoplexieen complicirt zeigt, 
kann noch eine grosse Reihe von Jahren leben, wenn nicht vielleicht ein 
zweiter Schlaganfall auf Grund seiner allgemeinen Atheromatose den Exitus 
herbeifuhrt. 
Dagegen bedeutet die Diagnose : progressive Paralyse, besonders wenn 
sie bei einem verhältnismässig alten Individuum gestellt wird, welches 
den accidentelle!! Gefahren der progressiven Paralyse, z. B. Decubitus, 
noch mehr ausgesetzt ist als ein junges, dass im Laufe von wenigen Jahren 
Exitus letalis eintreten wird. 
Ich gebe nun zunächst zwei Fälle, in welchen die Differentialdiagnose 
zwischen einfacher seniler Demenz und paralytischem Blödsinn in Frage kam.
        

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