Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Diagnostik der Geisteskrankheiten für praktische Ärzte und Studierende
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18866/163/
Die progressive Paralyse. 
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Pupillen mittelweit, rechts weiter als links, vollkommen starr bei 
directer künstlicher Beleuchtung. Linke Augenspalte weiter als die rechte. Das 
rechte obere Augenlid hängt etwas mehr herab als das linke. (Leichte Ptosis.) 
Der rechte Mundwinkel steht etwas tiefer und erscheint auch bei mimischen Be¬ 
wegungen schwächer innervirt. Gröbere Störungen im Facialisgebiet nicht vor¬ 
handen. Patellarreflexe erloschen. Dabei treten Zeichen von Muskel- 
schwache und Ataxie an den Extremitäten auf. Beim Liegen sind die 
Beine zumeist im Knie fiectirt, wobei die Seitenlage nach links bevorzugt wird. 
Auf Commando werden Beinbewegungen in Bückenlage prompt, aber schleudernd 
ausgeführt. Beim Aufrichten kreuzt Patient die Beine, schleudert sie schlaff 
übereinander und knickt auch bei Unterstützung durch doppelte Hilfskräfte völlig 
ein. Bei der Aufforderung, aus dem Bett zu steigen, schleudert er die Beine 
kraftlos in die Höhe. Die Arme kann Patient bewegen, jedoch fallen die Be¬ 
wegungen in jeglicher Hinsicht expansiv aus. Dabei tritt nach der Aufforderung, 
bestimmte Haltungen mit den Armen einzunehmen, ein seltsames unruhiges Wesen 
hervor, was einentheils verwirrten, anderentheils ataktischen Charakter an sich trägt. 
Z. B. macht er nach der Aufforderung, die Arme gestreckt zu halten, flatternde 
Fang- und Greifbewegungen in der Luft, wobei er in ganz zerfahrener und zum 
Theil unverständlicher Weise darauf bezügliche Bedensarten vorbringt. Die Musku¬ 
latur der Hände ist auffallend atrophisch, namentlich erscheinen die Interossei 
und der Daumenballen atrophisch. 
Deutlicher Tremor der gespreizten Finger, rechts stärker als links. 
Die Sprache ist gestört : Deutliches Haftenbleiben, Silbenstolpern, Silbcn- 
auslassungen, Wortverstellungen. 
Die Sensibilität ist bei der hochgradigen Demenz des Kranken schwer zu 
prüfen. Die Localisation der Hautreize ist sehr unsicher. 
Starke Neigung zum Decubitus. 
Das ganze Krankheitsbild ist also von Symptomen körperlicher 
Störung, von denen mehrere: Pupillenstarre, Fehlen der Kniephänomene, 
Ataxie einen ausgeprägt tabischen Charakter haben, durchsetzt. Aus dem 
raschen Verlauf hebe ich nur Folgendes hervor: 
4. VII. Jäher Wechsel von euphorischer und depressiver Stimmung; in 
rascher Folge äussert er bald Grössenideen, bald Kleinheitswahn und hypo¬ 
chondrische Vorstellungen, welche oft den Eindruck phantastisch umge¬ 
deuteter Parästhesieen auf tabischer Grundlage machen. Im Augenblick 
ist er noch der reichste Mann der Welt, Kaiser und Fürst, im nächsten Moment 
ist er blutarm, hat keine Augen mehr, fühlt seine Beine nicht, hält sich für ver¬ 
loren, glaubt todt zu sein. 
7. VII. „Ich bin ein kranker Mann, aber doch reich, sehr reich dabei. Ihr 
anderen seid armseliges Lumpenpack, alles arme Teufel. Ich habe furchtbare 
Schmerzen, ich wollte, ihr hättet sie nur eine Viertelstunde. Ich bin so müde, 
ich habe kein Blut mehr. Ich bin Fürst und Kaiser, in Berlin habe ich neben 
den Schlössern eine Villa stehen, dort gehe ich mit dem Kaiser auf die Jagd.“ 
7. VII. Macht einen müden, überaus schlaffen Eindruck, dabei ist die Sprache 
noch schwerfälliger, er lallt in ganz unverständlicher Weise. Manchmal treten 
Zuckungen im Gesicht und im linken Arm auf. 
11. VII. Zähneknirschen. Ausstossen unarticulirter Laute. Beständiges lautes 
Jammern nachts. Jäher Stimmungswechsel, bald in unsinnigen Grössenideen 
schwelgend, er sei der reichste Fürst, habe goldene Pferde, Millionen, bald sehr 
gedrückt und weinerlich : er sei krank, müsse bald sterben. 
14. VII. Ziemlich ausgedehnte Herpeseruption an der linken Wange, 
ausgehend von einem isolirten Bläschen an der rechten Oberlippe, die Mittellinie 
überspringend, die linke Oberlippe vollständig auskleidend und sich von hier 
weiter ausdehnend.
        

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