Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Diagnostik der Geisteskrankheiten für praktische Ärzte und Studierende
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18866/156/
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Die progressive Paralyse. 
zogen werden kann. Es ist also sorgfältig auszuschliessen, dass das Fehlen 
durch andere Ursachen bedingt ist. 
3. Die bei progressiver Paralyse öfter vorhandene Steigerung der 
Kniephänomene lässt sich diagnostisch wenig verwerthen, weil diese 
Erscheinung auch bei anderen Arten von Geistesstörung, besonders auf 
hysterischer und epileptischer Grundlage, häufig vorhanden ist. 
4. Eine Prüfung auf reflectorische Pupillenstarre ist nur dann 
als einwandfrei zu betrachten, wenn die accommodative Mitbewegung der 
Iris ausgeschlossen ist. 
5. Pupillendifferenz ohne reflectorische Starre ist bei be¬ 
stehender Geistesstörung nicht beweisend für die paralytische Natur der 
Krankheit. 
6. Leichte Verschiedenheit der Facialis- oder Hypoglossusinnervation 
fällt hei Abwesenheit anderer Innervationsstörungen wenig für die Diagnose 
der Paralysis progressiva ins Gewicht. 
7. Die Abwesenheit tabischer Symptome spricht nicht mit Sicherheit 
gegen die Annahme der progressiven Paralyse. 
8. Die Thatsache, dass Jemand syphilitisch inficirt gewesen ist, fällt, 
wenn bei ihm eine Geisteskrankheit ausbricht, für die Annahme der para¬ 
lytischen Natur derselben in die Wagschale. 
Die Diagnose der progressiven Paralyse aus dem psychologischen 
Befund soll vom nicht specialistisch gebildeten Praktiker erst Versucht 
werden, wenn alle Symptome von Tabes sicher ausgeschlossen sind. Die 
folgenden für die Diagnose aus dem psychologischen Befund aufgestellten 
Regeln sollen praktisch erst zur Anwendung gebracht werden, nachdem 
die Untersuchung auf Symptome von Rückenmarkskrankheit sorgfältig 
ausgeführt ist. 
I. Der Grössenwahn der progressiven Paralyse zeichnet sich we¬ 
sentlich durch folgende Züge im Verhältnis zu dem Grössenwahn bei 
anderen Psychosen aus: 
1. Die Grössenideen sind sehr mannigfaltig und wechseln sehr häufig. 
2. Dabei ist eine grosse Kritiklosigkeit in Bezug auf die Möglich¬ 
keit der Grössenideen vorhanden. 
3. Sehr oft zeigen sich zugleich Gedächtnisschwäche und Intelli- 
genzdefecte. 
(Durch das Kriterium Nr. 1 unterscheidet der paralytische Grössen¬ 
wahn sich von dem der Paranoia. Es könnten jedoch Verwechslungen mit 
der exaltirten Prahlerei Vorkommen, welche oft die Manie begleitet. Zur 
Vermeidung dieses Fehlers kommt hauptsächlich das Kriterium Nr. 3 in 
Betracht.) 
II. Die hypochondrisch-melancholischen Zustände, die im Beginn 
Vorkommen, sind oft mit Intelligenzdefecten verbunden, die wegen der 
Gemüthsverfassung, welche die Kranken vom Beantworten von Fragen 
abhält, oft schwer zu ermitteln sind. 
III. Die Tobsucht, welche manchmal im Beginne der Paralyse vor¬ 
kommt, zeichnet sich durch ihren sinnlosen, rein motorischen Charakter 
aus. Man kann dabei meist weder Hallucinationen, wie bei den Auf¬ 
regungszuständen der hallucinatorischen Verwirrtheit, noch Ideenflucht, wie 
bei der Manie, nachweisen. Am leichtesten kann sie mit der Tobsucht der
        

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