Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Diagnostik der Geisteskrankheiten für praktische Ärzte und Studierende
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18866/131/
Untersuchung der psychischen Vorgänge. 
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Der Begriff des Zwanges in der Psychopathologie. 
Die Auffassung von psychischen Störungen als Zwang, welcher das 
Individuum befällt, ist uralt. Die Geisteskrankheit wird als ein dem 
Individuum Fremdes betrachtet, welches den Einzelnen bezwingt. In 
grober Form findet sich diese Auffassung unter anderem in den aber¬ 
gläubischen Vorstellungen von Besessenheit wieder, die abgesehen von der 
religiösen Färbung dieser Idee im Grunde das zwangsmässige Befallen¬ 
werden von einer Geisteskrankheit ausdrückt. 
Der Begriff ist jedoch allmählich sehr eingeschränkt worden und hat 
in dem Ausdruck „Zwangsvorstellungen“, der eigentlich alle zwingend auf¬ 
tretenden Vorstellungen umfassen müsste, eine ganz bestimmte enge Be¬ 
deutung angenommen, indem darunter nur solche Vorstellungen verstanden 
werden, welche als Zwang zum Bewusstsein kommen. Ein begriffs¬ 
geschichtlicher Rest der früheren Vorstellungen des Zwanges liegt noch 
in dem französischen Ausdruck „obsession“ vor, welcher, ursprünglich Be¬ 
sessenheit bedeutend, nunmehr auf die Zwangsvorstellungen im engeren 
Sinne eingeschränkt worden ist. 
Um eine zusammenhängende Uebersicht über dieses Gebiet zu geben, 
ist es geeignet, von dem quälenden Bewusstsein des Zwanges zunächst 
abzusehen und ferner den Begriff „Vorstellung“, wie in der Leibniz’sehen 
Psychologie, im weitesten Sinne zu fassen, so dass alle Arten von geistigen 
Vorgängen, Gedanken, associative Vorstellungen, Gefühle und Antriebe 
darunter verstanden werden. Innerhalb der weiten Grenzen, welche dadurch 
gewonnen werden, kann man dann eine Specialisirung der einzelnen 
Gruppen vornehmen. 
Wir haben also unter Zwangsvorstellungen im weiteren Sinne alle 
diejenigen Geisteszustände zu verstehen, in denen sich bestimmte Ge¬ 
danken oder Gefühle, beziehungsweise Antriebe zu bestimmten Hand¬ 
lungen mit zwingender Gewalt unabhängig von Eindrücken der Aussen- 
welt (Milieu) immer wieder in der gleichen Weise geltend machen. Dabei 
ist zu betonen, dass auch in Fällen, bei denen es sich um Denkthätig- 
keiten handelt, ein motorisches Moment, ein krankhafter Impuls zu 
der Denkleistung nicht zu verkennen ist, Bei allen diesen Erscheinungen 
handelt es sich um zwangsmässige An-triebe, gleichgiltig in welchem 
besonderen geistigen Gebiete sie auftreten. 
Praktisch ist dabei die Beziehung des Triebes zu der socialen Um¬ 
gebung in den Vordergrund zu stellen. Wenn daraus resultirende Hand¬ 
lungen gegen das bestehende Gesetz sind, so imponiren sie den psychiatrisch 
Ungebildeten als Ausdruck einer besonderen criminellen Beanlagung. In 
Wirklichkeit ist jedoch kein principieller Unterschied zwischen Zwangs¬ 
handlungen, die sich im Rahmen des erlaubten Subjectivismus bewegen, 
und solchen, welche im einzelnen Fall von psychiatrisch Ungebildeten als 
criminelle Acte aufgefasst werden, zu machen. Ebensowenig ist psycho¬ 
logisch ein principieller Unterschied zwischen Zwangsgedanken, welche 
subjectiv indifferent sind und solchen, welche subjectiv als quälend 
empfunden werden (Zwangszustände im engeren Sinne). 
Für die übersichtliche Darstellung dieser Zustände ist es geeignet, 
das Moment des Zwingenden in den Vordergrund zu stellen und die 
psychologische Differenz von blossen Gedanken und Antrieben beiseite zu
        

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