Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Diagnostik der Geisteskrankheiten für praktische Ärzte und Studierende
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18866/129/
Untersuchung der psychischen Vorgänge. 
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stellt, mit den verschiedenen Formen, welche dieselbe infolge Verschieden¬ 
heit der den Willen auslösenden Vorstellungen annimmt, verwechselt. Ist 
ein Mensch von einer bestimmten Vorstellungsgruppe eingenommen und 
ist zugleich eine Erreglichkeit seiner Willenssphäre vorhanden, vermöge 
welcher die Vorstellungen sich leicht in Handlungen umsetzen, so wird er 
gewöhnlich als „willensstark“ bezeichnet, während sich die Erscheinung 
aus zwei sehr verschiedenen psychologischen Componenten zusammensetzt. 
Andererseits werden Menschen, die infolge starker Beeinflussbarkeit in ihrem 
Bestände von wirksamen Vorstellungen stark wechseln und dabei vermöge 
der gleichen Erreglichkeit der Willenssphäre ihren veränderten Vorstellungs¬ 
gruppen leicht Ausdruck geben, gewöhnlich als „willensschwach“ bezeichnet, 
während die Schwäche lediglich in der Inconstanz der Vorstellungsgruppen 
liegt. Dem entspricht die Thatsache, dass, wenn einmal bei solchen recep- 
tiven Naturen durch einen starken Einfluss bestimmte Vorstellungsgruppen 
zur völligen Herrschaft gelangen, wie es im pathologischen Gebiet der 
Hysterie öfter vorkommt, solche Menschen eine ausserordentliche Rührig¬ 
keit in der Durchführung dieser Ideen zeigen können. 
Klinisch muss also die Beschaffenheit der Vorstellungsgruppen 
neben der elementaren Beschaffenheit der Willenssphäre genau 
in Betracht gezogen werden. Im Krankheitsbilde der Manie zeigt sich die 
Erreglichkeit der Willenssphäre mit rasch wechselnden Vorstellungen ver¬ 
einigt, woraus die grosse Summe von lebhaften Ausdrucksbewegungen im 
physiognomischen und gesticulatorischen Gebiet entspringt, welche diese 
Krankheitsform kennzeichnet. Bei epileptischen Zuständen ist neben hoch¬ 
gradiger Erregung der Willenssphäre oft eine Einschränkung des Bewusst¬ 
seins vorhanden, woraus die elementare sinnlose Tobsucht entspringt, welche 
die epileptischen Aequivalente meist charakterisirt. Bei alkoholistischen 
Delirien sind oft gleichzeitig mit der motorischen Erreglichkeit massen¬ 
hafte Visionen vorhanden, die sich in einer Unsumme von charakteristischen 
Ausdrucksbewegungen, z. B. im Haschen und Greifen nach den visionären 
Thieren, verrathen. 
Neben der Erreglichkeit der Willenssphäre kommt als wesent¬ 
liches Moment die Ausdauer im Festhalten einer bestimmten Inner¬ 
vation in Betracht. Diese ist normaler Weise stark von den Ermüdungs¬ 
gefühlen beeinflusst, welche infolge der Muskelcontraction zustande 
kommen und uin Ablassen von der Innervation bewirken. Fehlen dieselben, 
was z. B. als hysterische Ausfallserscheinung oder als Wirkung der Hyp¬ 
nose zustande kommen kann, so ist damit für die betreffende Innervation 
eine Ausdauer ermöglicht, welche das Normale weit übersteigen und erst 
in der wirklichen Erschöpfung ihre Grenze finden kann. Andererseits 
können, wie dies ebenfalls bei Hysterischen als hyperästhetisches Symptom 
vorkommt, die Ermüdungsgefühle so betont sein, dass sie die Leistung 
viel eher unterbrechen, als es dem Grade der Erschöpfung entspricht. 
Hieraus erklären sich manche dem Laien wunderbare Heilungen, die bei 
Hysterischen nach scheinbarer völliger Erschöpfung zustande kommen. 
Wir müssen also den Unterschied von Ermüdungsgefühl und 
Erschöpfung als grundlegendes Moment für die Pathologie des 
Willens hervorheben. Die Voraussetzung, dass die Ermüdungsgefühle dem 
Grade der Erschöpfung, d. h. dem Verbrauch von Kräften im Nerven- und 
Muskelgebiet proportional sind, ist häufig nicht zutreffend: Die wirkliche
        

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