Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Diagnostik der Geisteskrankheiten für praktische Ärzte und Studierende
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18866/117/
Untersuchung der psychischen Vorgänge. 
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Delirien bei manchen Intoxicationen und Infeetionskrankheiten scheinen 
in diese Gruppe zu gehören. Sie zeigen den Typus einer bunten Reihe 
unzusammenhängender Wahrnehmungen elementarer Art. Es handelt sich 
dabei im allgemeinen um prognostisch günstige Verwirrtheitszustände. 
In einem Gegensatz hierzu stehen die Sinnestäuschungen, bei denen 
ein gedanklicher Zusammenhang unverkennbar ist, indem sich die 
Trugwahrnehmung in eine Gedankenkette eingliedert. Diese Art der Sinnes¬ 
täuschung, welche im übrigen mit Besonnenheit verbunden sein kann, 
hat eine wesentlich andere Bedeutung als die elementaren Sinnestäuschungen 
bei begleitender Verwirrtheit. Im Gegensatz hierzu ist jene fast immer 
prognostisch ungünstig und gehört klinisch in das Gebiet der paranoischen 
Processe. Trugwahrnehmungen sind also im allgemeinen prognostisch um 
so bedenklicher, je besonnener der Kranke dabei ist. Ausgenommen hier¬ 
von sind die Fälle, in denen die Vorstellungsbildung durch einen bestimmten 
Affect, z. B. in melancholischer Richtung, stark beeinflusst ist. 
Hier sind wir an dem Punkt, an dem sich eine Untersuchung auf 
Wahnvorstellungen anschliessen muss. Wir verstehen hierunter im all¬ 
gemeinen Vorstellungen, denen eine objective Wirklichkeit nicht entspricht, 
während der Betreffende von dieser überzeugt ist. Es ist in allen Fällen 
zu untersuchen, 
1. ob bestimmte Vorstellungen als Wahnideen aufzufassen sind, 
2. welcher Art dieselben sind, 
3- in welcher Weise sie sich mit anderen Symptomen ver¬ 
knüpft zeigen. 
Der erste Punkt bietet grosse Schwierigkeiten. Praktisch kann es 
ausserordentlich mühsam, wenn nicht unmöglich sein, die Unrichtigkeit 
von bestimmten Vorstellungen zu erkennen. Z. B. kommen Fälle von Paranoia 
vor, bei denen im Anfang die producirten Wahnvorstellungen, z. B. über 
Zurücksetzung im Amt, Veranlassung zur Eifersucht, sich völlig im Rahmen 
des Möglichen bewegen und zunächst aus ihrer Qualität gar nicht als 
Wahnideen erkannt werden können. Andererseits hüte man sich, bei solchen 
Erzählungen, selbst wenn sie von notorisch Kranken stammen, eo ipso 
alles für pathologische Erfindung zu halten. 
In zweiter Linie ist die Art der Vorstellungen nach ihrer Zu¬ 
gehörigkeit zur Politik, Religion, Familie u. s. f. zu untersuchen. Dabei ist 
das besondere Gebiet, in welchem sie sich bewegen, zwar zu beachten, 
darf jedoch diagnostisch nicht überschätzt werden. Wichtiger ist der Grund¬ 
charakter der Wahnbildung. Vor allem sind die Typen des Verfolgungs¬ 
und Grössenwahns hervorzuheben. Dabei ist zu achten, ob die gleichen 
Ideen stereotyp wiederkehren oder rasch wechseln, ob mehrere eine ge¬ 
schlossene systematisirte Gruppe bilden oder zusammenhangslos und wider¬ 
spruchsvoll nebeneinander stehen. Im Hinblick auf die Möglichkeit der 
einzelnen Ideen ist zu beachten, ob sie an sich denkbar sind oder einen 
phantastischen Charakter haben. 
Diagnostisch sehr wichtig ist drittens das gleichzeitige Vorhanden¬ 
sein anderer Symptome. 
Vor allem ist zu achten, ob Sinnestäuschungen neben der Wahn¬ 
bildung vorhanden sind und in welchem Verhältnis die Wahnbildung 
hierzu steht. Manchmal kann man deutlich wahrnehmen, dass mit Steigerung 
der Sinnestäuschungen die Wahnbildung sich verstärkt, in anderen Fällen
        

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