Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Diagnostik der Geisteskrankheiten für praktische Ärzte und Studierende
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18866/11/
EINLEITUNG. 
Die Beziehungen der Psychiatrie zur Naturwissenschaft 
und Psychologie. 
Auf Grund der Anschauung, dass das Geistige und Körperliche unver¬ 
einbare Gegensätze sind, ist das seelische Leben noch lange Zeit als völlig 
ausserhalb der Naturwissenschaft liegend betrachtet worden, als diese die 
mechanische Welt schon zu erforschen begonnen hatte. Der cartesianische Dua¬ 
lismus, der durch seine scharfe Scheidung der materia extensa und substantia 
cogitans diese Trennung in schärfster Weise vornahm, hat die methodische 
Behandlung seelischer Phänomene zunächst mehr gehindert als gefördert, wenn 
auch in der Betonung der Selbstwahrnehmung des Denkens ein wichtiger 
Ausgangspunkt für eine auf Erfahrung beruhende Seelenlehre gegeben war. 
Es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, die ganze Entwicklung 
der empirischen Psychologie, welche sich an dieses cartesianische Problem 
anknüpft, genauer darzustellen. Nur muss ein allgemeiner Satz, der sich 
bei der geschichtlichen Betrachtung auf drängt, hervorgehoben werden. 
Dieser lautet: Erst nachdem das seelische Leben im allgemeinen als 
Gegenstand methodischer Naturbeobachtung betrachtet worden 
war, konnte eine wissenschaftliche Psychopathologie als Theil 
der allgemeinen Naturwissenschaft entstehen. 
Allerdings wird eine solche Wissenschaft nach der ersten Periode, 
in der wesentlich bereits fertige Methoden aus den vorher schon behandelten 
Gebieten der Normal-Psychologie übertragen werden, dann ihren eigenen 
Weg gehen, und wird sich eigene Methoden schaffen, welche ihren be¬ 
sonderen Zwecken angepasst sind. Es handelt sich um das fortschreitende 
Eindringen naturwissenschaftlicher Arbeit in Gebiete des geistigen Lebens, 
die im Sinne der früher herrschenden dogmatischen Seelenlehre als etwas 
Unbegreifliches jenseits der Grenzen natürlicher Erkenntniss lagen. 
Diese Betrachtung scheint nun wenig Beziehung zu den Aufgaben 
zu haben, welche an den Praktiker im Gebiete der Geisteskrankheiten 
herantreten, und doch lassen sich aus ihr eine Anzahl von methodischen Regeln 
ableiten, die durchaus geeignet sind, die diagnostische Erkenntniss 
in den einzelnen Fällen der Praxis zu fördern. 
Es entspringen nämlich gerade aus dem Mangel unbefangener Natur- 
beobachtung den Geisteskranken gegenüber und aus der Einschränkung der 
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