Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Diagnostik der Geisteskrankheiten für praktische Ärzte und Studierende
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18866/105/
Untersuchung der psychischen Vorgänge. 
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Ferner ist praktisch der Mangel an räumlicher Orientirung sehr wichtig, 
welcher auf Vérlust von Erinnerungsbildern beruht. Diese Erschei¬ 
nung kommt nun nicht nur bei Herdkrankheiten des Gehirnes, sondern 
auch als Theilerscheinung von Verwirrtheitszuständen, z. B. bei Paraly¬ 
tischen, vor. 
Ebenso wie im Gebiet der Herdkrankheiten des Gehirnes muss im 
Gebiet der Geisteskrankheiten im engeren Sinne versucht werden, die im 
einzelnen Fall zerstörten Partial-Gedächtnisse zu bezeichnen und 
wenn möglich die Organe des Gehirnes zu bestimmen, deren 
Störung die materielle Voraussetzung zu diesen Ausfallser¬ 
scheinungen bildet. 
Neben der Beziehung auf die verschiedenen Gruppen von Vor¬ 
stellungen sind die zeitlichen Verhältnisse der Gedächtniselemente zu 
beachten. Die Fähigkeit, sich an längst Vergangenes oder kürzlich 
Erlebtes zu erinnern, ist auseinanderzuhalten. Im allgemeinen blassen 
Erinnerungen allmählich ab und machen dem neu aufgenommenen Vor¬ 
stellungsmaterial Platz. Oft zeigen sich jedoch alte Eindrücke lebendig, 
während neue vergessen werden. Dies tritt besonders bei senilen Gedächt¬ 
nisstörungen sehr hervor. Um diese Pirscheinungen zu erklären, muss 
man die Art der Aufnahme untersuchen. Das Moment des Aufgreifens 
der äusseren Eindrücke, die Erwerbung des Gedächtnismaterials 
ist veriputhlich von grösster Wichtigkeit für die Erklärung einer Reibe 
von Erscheinungen in der Pathologie des Gedächtnisses. 
Wir müssen hier nochmals auf die Thatsache der posthypnotischen 
Amnesie zurückgreifen. Die Annahme eines besonderen Gedächtnisver- 
mögens zur Erklärung der Ausschaltungserscheinungen, welche sich nach 
hypnotischen Zuständen zeigen, ist unhaltbar, und es müssen andere Be¬ 
dingungen für das Zustandekommen dieser Erscheinung vorhanden sein. 
Diese liegen wahrscheinlich in der Art, wie die Eindrücke und Vorstellungen 
mit dem schon vorhandenen Vorstellungsmaterial verknüpft werden. 
Bei dem Merken einer Sache spielt wahrscheinlich das Denken der Be¬ 
ziehung dieser zu unserem Ich eine grosse Rolle. Die Eindrücke werden 
sofort in den Zusammenhang der das Ich ausmachenden Vorstellungsgruppe 
eingereiht. Da bei dem hypnotischen Zustand nun gerade die Ausschaltung 
des Selbstbewusstseins bei Intactheit der perceptiven und reactiven Vorgänge 
das Wesentliche bildet, fehlt den im hypnotischen Zustand auftauchenden 
Vorstellungen die bindende Beziehung auf das Ich, welche bei der Repro¬ 
duction eine wesentliche Rolle spielt. Mau mag diese Erklärung annehmen 
oder nicht: jedenfalls kann aus den Thatsachen der Ausschaltung von 
Spuren, die in erneutem hypnotischem Zustand erinnert werden, nicht ge¬ 
schlossen werden, dass das Gedächtnis ein besonderes Vermögen sei, 
welches zu dem Vorstellungsmaterial unabhängig von diesem hinzutreten 
müsste, um Erinnerungen hervorzurufen. Es muss vielmehr angenommen 
werden, dass die Art der Auffassung eine wesentliche Rolle bei dem 
Einprägen von Find rücken spielt. 
So erklären sich auch die Thatsachen bei der senilen Gedächtnis¬ 
schwäche, wobei alte Erinnerungen festhaften, während die kürzlich wahr¬ 
genommenen Dinge nicht erinnert werden, am einfachsten: der wesent¬ 
liche Mangel liegt in der Auffassung der Eindrücke. 
Sommer, Psychiatrische Diagnostik. 2. Aufl. 7
        

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