Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Lehrbuch der psychopathologischen Untersuchungs-Methoden
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18676/85/
Cerebraler Einfluss auf Reflexe. 
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an Schlaf. Um yä6 Uhr wacht er auf und wird stark erregt. Fast völlige 
Nahrungsverweigerung, weshalb seit dem 15. Sondenfütterung angewendet 
wurde. 
17. V. Schon 1/2 Stunde vor dem Essen sagt J., er habe Hunger, er 
wolle essen, führt dies aber in ganz krankhafter Weise aus, indem er nach 
jedem Löffel, den man ihm eingibt, die Lippen fest schliesst und die Suppe 
geraume Zeit im Munde behält, ehe er sie hinunterschluckt. Auch hier zeigt 
sich wie in der sprachlichen Sphäre eine abnorme Verlangsamung. 
Abends Versuch der Sondenfütterung mit grosser Schwierigkeit. J. liegt 
dann ruhig und apathisch im Bett. Als dann ein im selben Wachsaal 
liegender Patient Bier zu trinken bekommt, drückt er durch Geberden und 
Bewegungen der Lippen (als ob er den Versuch zu sprechen machte) den 
Wunsch nach Bier aus. Das ihm gereichte Bier führt er hastig zum Munde, 
trinkt und schluckt jetzt ziemlich schnell. Darauf trinkt er noch 
einen Becher Milch. Nachts unruhiger Schlaf von O1^ bis IO1/*, 10’/2 bis 21/3, 
3y2 bis 6 Uhr. Im Schlaf warf Patient oft unruhig den Kopf nach rück¬ 
wärts und blieb längere Zeit mit rückwärts gezogenem Kopfe liegen. 
18. V. Nahrungsverweigerung. In längeren Intervallen springt J. aus 
dem Bett und attaquirt die Pfleger, welche ihn zurückzuhalten suchen. 
21. V. Stuhlverstopfung. Betentio urinae. 
22. V. Die Kniephänomene fehlen, auch wenn keine äussere Spannung 
der Musculatur vorliegt, fast völlig. 
Der bisherige Verlauf hatte folgende Symptome scharf herausgestellt: 
1. Starke Verlangsamung sprachlicher lleactionen. 
2. Manchmal völliges Fehlen von sprachlicher Beaction. 
3. Vereinzelte Bechenfehler bei leichten Aufgaben. (3 X 6 = 11, auch 
wenn man annimmt, dass er multipliciren und addiren verwechselt, ein 
Fehler.) 
4. Kataleptische Zustände. 
5. Negativismus. 
6. Eigenthümliche stereotype Bewegungserscheinungen (z. B. die Schluck- 
bewregungen im Anfang). 
7. Seltsame Aufregungszustände mit manierirten Bewegungserschei¬ 
nungen (plötzliches Aufspringen und Nachahmen militärischer Uebungen). 
8. Körperliche Symptome: Stuhlverstopfung und Urinretention. Fast 
völliges Fehlen der Kniephänomene. 
Auf Grund der sub 1—7 genannten Symptome, neben denen man 
auch die Urinretention als psychomotorisches Phänomen auffassen kann, 
wurde die Annahme der Katatonie in erster Linie erwogen. Es musste 
jedoch im Hinblick auf die Anamnese und den Befund in der Klinik 
(Koliken, Bleisaum, Einziehung des Unterleibes, Stuhlverstopfung, Urin¬ 
retention, mangelhafte Kniephänomene) die Thatsache der Bleivergiftung 
festgehalten werden und es wurde gefragt, ob sich im Hinblick hierauf 
die Psychose als eine „symptomatische“, durch Bleiintoxication bedingte auf¬ 
fassen liesse. Je mehr man zu dieser Annahme neigte, desto besser wurde 
die Prognose, da zu hoffen war, dass mit Besserung der durch die Blei¬ 
vergiftung bedingten Symptome auch die psychischen Erscheinungen sich 
zurückbilden würden. Allerdings bestand bei der Annahme der Katatonie 
wenigstens eine gewisse Aussicht auf eine Remission. 
Der Verlauf war nun folgender: Am 26. wurden die ersten Spuren 
einer Aenderung in Bezug auf die Spannungs- und Hemmungserscheinungen
        

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