Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Lehrbuch der psychopathologischen Untersuchungs-Methoden
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18676/59/
Cerebraler Einfluss auf Reflexe. 
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das Bewusstsein kam allmählich wieder. Bei den anderen, die nach kürzerer 
Zeit einsetzten, blieb das Bewusstsein zum Theil erhalten ; er empfindet in 
dem Zustande starke Schmerzen, nimmt die Umgebung wahr und weiss von 
dem Anfall. Bei den Anfällen fand starke Schweissahsonderung, auch Speichel¬ 
fluss statt. 
Einmal trat ein nächtlicher Anfall ein, bei welchem er aus dem Bett 
musste. Er lief hin und her, ein sonderbares Gefühl, aus der Bauchgegend 
nach oben steigend (Aura), nahm ihm die Luft, Hände und Kopf zuckten 
kurze Zeit, es kam jedoch nicht zu einem schwereren Anfall. Er konnte sich 
dann wieder ruhig zu Bett legen. Ostern 1896 traten zum erstenmal nach 
dem Anfall Aufregungszustände ein. Er schlug um sich, schimpfte, konnte 
von vier kräftigen Männern nur mit Mühe gehalten werden. Er erinnert 
sich dunkel daran und sagte, es sei ihm gewesen, als ob er ersticken müsse. 
Später schrie er wiederholt hei Anfällen fürchterlich. Er gibt an, das Schreien 
vernommen zu haben, ohne es unterlassen zu können. 
Am 27. III. 1896 trat H. in die psychiatrische Poliklinik ein, am 
16.X. 1896 in die stationäre Klinik. 
Auf Grund der charakteristischen psychischen Erscheinungen (speciell 
der postepileptischen Dämmerzustände, die sich allerdings durch theilweise 
erhaltene Erinnerung hervorheben) wurde die im 30. Jahre ausgebrochene 
Epilepsie unter Ablehnung der früher erörterten Annahme einer organischen 
Hirnkrankheit als genuine aufgefasst. Dementsprechend haben sich bisher 
leichte Spuren epileptischen Schwachsinns entwickelt, so dass an der Kichtigkeit 
der Diagnose kein Zweifel mehr sein kann. 
Dieser Patient zeigt nun das oben beschriebene Phänomen 
der psychomotorischen, beziehungsweise central bedingten 
Nachwirkung in ausgeprägter Weise, allerdings nicht immer in 
gleichem Masse, was zu seinen sonstigen periodischen Schwan¬ 
kungen stimmt. 
Das Phänomen ist in diesem Falle um so interessanter, als 
es zweifellos differential - diagnostische Bedeutung hat. Es ist in 
keiner Weise einzusehen, wie ein Hirntumor eine derartige Modi¬ 
fication eines Kniephänomens bewirken sollte, welche einen durchaus 
functioneilen Charakter trägt, es sei denn dass als indirectes Sym¬ 
ptom Epilepsie oder schwere Hysterie bewirkt wird, was in sehr 
seltenen Fällen thatsächlich vor kommt. Wenn ich schon zur Zeit der 
oben geschilderten differential-diagnostischen Sachlage, als im Hin¬ 
blick auf dieFacialiszuckungen noch die Annahme eines Tumor cerebri 
in der Hirnrinde der entgegengesetzten Seite im Vordergrund stand, 
diese Art des Kniephänomens bei H. gefunden hätte, so würde ich 
daraus ein Argument für die Annahme einer genuinen Epilepsie 
hergeleitet haben, weil dasselbe im Hinblick auf die anderen beob¬ 
achteten Fälle besser hierzu passt als zu der Annahme eines 
organischen Hirnleidens, wenn auch bei diesem als indirectes Reiz¬ 
symptom epileptische Zustände Vorkommen können. Ich habe dasselbe 
bei herdartigen Gehirnkrankheiten bisher nur einmal beobachtet, 
und zwar bei einem Hypophysistumor, bei welchem schon circa 
ein Jahr vor Auftreten der Stauungspapille epileptische Symptome 
vorhanden gewesen waren. Hier war das Phänomen also wohl nicht 
durch den Tumor, sondern durch die indirect ausgelöste Epilepsie 
bedingt, deren frühzeitiges Eintreten nur mit der speciellen Lage, 
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