Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Lehrbuch der psychopathologischen Untersuchungs-Methoden
Person:
Sommer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit18676/39/
Cerebraler Einfluss auf Reflexe. 
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Krankengeschichte: Katharina F. aus L., geh. 28. V. 1874, auf¬ 
genommen in die psychiatrische Klinik in Giessen am 10. III. 1896. Kam 
im 18. Jahr wegen häufiger, angeblich bei der Regel auftretender Schmerzen 
Weihnachten 1892 zur hiesigen Frauenklinik. Sie wurde laparatomirt und 
von einem grossen Kystom des linken Ovariums befreit. Die Menses ver¬ 
liefen von nun an glatt, nur war sie angeblich zur Zeit der Menses meist 
deprimirt. 
Weihnachten 1895 wurde sie sehr traurig, hatte Beeinträchtigungs- 
ideen, die sich an wirkliche Verspottungen anschlossen. Nach einem Auf¬ 
enthalt in der Frauenklinik wurde sie wieder besser. Ende Januar wieder 
deprimirte Stimmung. Sie weinte viel, schlief wenig, meinte stets, sie müsse 
sterben, klagte über Kopfschmerzen, weil sie sich so viele Gedanken machen 
müsse. Am 31. I. lief sie von Haus fort zur Klinik, von wo sie der Vater 
zurückholte. Am 1. II. lief sie wieder früh nach G. in die Frauenklinik, 
„um da zu sterben“. Von dort brachte sie der Vater in die psychiatrische 
Klinik, welche noch nicht aufnahmefähig war. Es wurde damals folgender 
Befund aufgenommen: Patientin meint, sie sei „hysterisch“. Der Arzt habe 
es gesagt, die Hysterie könne anstecken, ihr Urin und Auswurf könne an¬ 
stecken. Es habe gestern alles so schön gerochen, in der Klinik, auf der 
Strasse, ein Schutzmann und ihr Vater hätten so schön nach Eau de Cologne 
und Citronen gerochen. Sie sei auch bespritzt. In der Klinik sei auch 
gespritzt, das sei geschehen, um die Ansteckung, welche von ihr aus¬ 
gehe, zu verhindern. Sie habe auf die septische Abtheilung gewollt. Im 
Augenblick rumore es in ihrem Leibe sehr stark. Bei ihrer todten Schwester 
sei es auch im Leibe laut gewesen, als ob dieselbe im Starrkrampf gelegen 
habe. Gestern habe man ihr in der Frauenklinik etwas in den Wein gethan. 
Sie habe es heute morgens in ihrem Stuhlgang bemerkt. Es seien von der 
Polizei Schutzleute ausgeschickt, um sie zu beobachten, weil ihre Krankheit 
ansteckend sei. Sie sei bange gewesen, dass man sie an die Pferde binden 
w^erde. Vielleicht habe sie gestohlen. Sie glaube, sie sei auch jetzt noch 
verfolgt, deswegen wolle sie hier sterben. Es würden ihr in 2 — 3 Tagen 
die Aederchen im Fleisch springen und sie dann sterben. 
Die Kranke zeigte also eine verworrene Flucht von Ideen über 
Ansteckung, Vergiftung und Verfolgung, dabei machte ihre lebhafte 
Redeweise eher den Eindruck einer Manischen oder Hysterischen. 
Da die Klinik noch nicht aufnahmefähig war, wurde sie mit einigen 
antihysterischen Vorschriften nach Hause geschickt und erst am 10. III. in 
die nunmehr eröffnete Klinik aufgenommen. Es bot sich damals folgender 
Befund: Sie ist sehr heiter, begrüsst Arzt und Pflegerinnen als Bekannte, lacht 
und kichert. Sie sei hergekommen, weil sie nervös sei. Sie erzählt unauf- 
•hörlich von ihrer Kindheit, ihrem Vater, ihrer Krankheit. Die am 31.1. 
vorgebrachten Ideen werden nur leicht gestreift und machen einen noch 
mehr verworrenen Eindruck als damals. Sie habe oft mit sich selbst ge¬ 
sprochen und dadurch Antworten bekommen. Daraus habe sie auch erfahren, 
was „die oben“ gegen sie habe. Sie habe auch dann und wann gehört, 
dass Stimmen wie „Vogelstimmen in der Luft“ gerufen hätten: „komm 
mit“. Das wären die Stimmen von Todten gewusen, die damit gemeint 
hätten, dass sie sterben sollte. Es könne auch sein, dass die Stimmen von 
hier gewesen seien und gemeint hätten, sie solle in die Klinik kommen. 
Gestern während der Fahrt habe ein Student, der im gleichen Coupé 
gefahren sei, sie dadurch ärgern wollen, dass er leise gepfiffen habe. Sie
        

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